Depression ernst nehmen

Eine Sichtweise auf Depression ist Folgende: Der Depressionskranke ist übermäßig pessimistisch und schätzt Situationen prinzipiell schlechter ein als sie sind.

Gegen diese Position können wir halten, dass der Depressionskranke vielleicht guten Grund dazu hat, in dieser emotionalen Lage zu sein? Vielleicht sind es nicht die einzelnen Situationen, die er zu pessimistisch bewertet. Vielleicht erscheinen die Situationen ihm als Hinweise und Andeutungen für sein Leben insgesamt. In diesem Fall nimmt der Depressionskranke sein Leben ernst und sieht bloß in den individuellen Situationen sein Leben, anstatt nur diese Situation.

Die interessante Frage ist: Was passiert, wenn wir nicht davon ausgehen, dass die immer häufiger auftretenden Depressionsstörungen bloß eine Häufung von Krankheiten sind? Was können wir daraus lernen, wenn wir dieses Phänomen ernst nehmen und uns fragen, ob wirklich etwas falsch ist.

Ein Nebeneffekt dieser anderen Ausgangsposition ist, dass wir auch den einzelnen Menschen ernst nehmen. Anstatt ihm sagen zu müssen, dass er spinnt, können wir uns gemeinsam mit ihm auf die Suche nach den Gründen seines Unbehagens machen. Diese Gründe können wir nur finden, wenn wir auch ihre Existenz annehmen.

Vielleicht ist es so, dass jemand der depressiv ist, gute Gründe hat, depressiv zu sein. Vielleicht haben wir lediglich die Gründe noch nicht gefunden und damit auch nicht verstanden?

Das würde zu der modernen Häufung von Depressionserkrankungen passen: Ist es wirklich Zufall, dass immer mehr Menschen ein Unbehagen der Moderne fühlen?

Moderne als Krankheit als Verfehlen des gemeinten Mensch

Moderne als Krankheit kann dabei nur vor dem Hintergrund des Menschen als Ganzes verstanden werden. Wir müssen von einem Ziel des Menschen, vom ganzen Menschen, ausgehen.

Dabei ist der Mensch nicht nur ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft. Seine Arbeitsfähigkeit und die Möglichkeit seiner wirtschaftlichen Nutzung sind nicht die einzigen Eigenschaften, wenngleich dies das zentrale Interesse unserer von der Wirtschaft bestimmten Gesellschaft ist. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht in unreife Kapitalismuskritik verstricken. Der wirtschaftliche Nutzen des Menschen ist eine wichtige Eigenschaft, die zum Funktionieren unserer Gesellschaft unerlässlich ist, ob kapitalistisch oder nicht. Wir Menschen sind immer auch Arbeitskraft.

Das ist etwas Gutes! Die Wirtschaft hat ein Eigeninteresse daran, dass die Moderne als Krankheit geheilt wird. Moderne als Krankheit macht äußerst unproduktiv, wie wir sehen werden. Wir können in der Wirtschaft, gerade auch in der kapitalistisch organisierten Gesellschaft, einen Verbündeten sehen.

Doch der Mensch ist nur zu einem Teil das Mitglied einer wirtschaftenden Gesellschaft. Er ist auch empfindsames Wesen, ist auch sinnsuchendes Wesen, Teil einer Familie, ein lebendiger Organismus mit Vitaminbedarf und vieles mehr.

Dass die Moderne eine Krankheit ist, das ist Gefühl und Überzeugung vieler und immer mehr Menschen. Das müssen wir ernst nehmen. Immer mehr Menschen sagen: So sind wir nicht gemeint.

Einen Menschen lieben heißt ihn so sehen, wie Gott ihn gemeint hat. — Dostojewski

Dabei wollen wir uns nicht nur auf kalte Analyse verlassen. Die wichtigsten Antworten haben wir bereits. Ist der Mensch als diffus ängstlicher Depressiver gemeint? Wohl kaum. Ist der Mensch als mager- oder fresssüchtig gemeint? Ist der Mensch als Nihilist gemeint? Als Hedonist oder Masochist? Die einzig zulässige Antwort ist: Nein! In diesem “Nein!” steckt ein “Ja!” zum Menschen. In dieser Antwort steckt keine abstrakte Analyse. Es ist keine komplizierte Analyse nötig, um dieses “Ja!” zu verstehen. Es ist ein Akt des Glaubens, ein Akt des Vertrauens, es ist eine Entscheidung zum Anfang.

Ich bin lieber optimistisch und irre mich, als pessimistisch und korrekt. — Elon Musk

Nur ein Telos kann uns sagen, was gesund und krank ist

  • Telos ist das Ziel von etwas.
  • Orthologie ist die Lehre von Zuständen und Prozessen, die zu diesem Ziel hinführen
  • Pathologie ist die Lehre von Zuständen und Prozessen, die von einem Ziel wegführen oder das Erreichen verhindern.

Sowohl Orthologie als auch Pathologie können nicht ohne dieses Ziel verstanden werden. Die Unterscheidung von Erreichen und Nichterreichen eines Ziels ist gewissermaßen der Geburtsmoment dieser drei Entitäten.

Haben wir kein Telos, kein Ziel, können wir Zustände, Prozesse, Handlungen und alles andere nicht bewerten. Ohne ein Ziel machen die Begriffe Treffen und Verfehlen keinen Sinn.

Das heißt auch, dass wir die Begriffe Gesundheit und Krankheit nicht verstehen können, wenn wir sie nicht als etwas aufeinander bezogenes Ganzes betrachten. Krankheit ist kein Ding, dass man hat und dann nicht mehr. Das, was wir als Krankheit betrachten, ist vielmehr eine Art Fotographie von etwas, das in Bewegung ist. Machen wir eine Fotographie von einem Spaziergänger würden wir auch nicht auf die Idee kommen, dass er im Begriff zu fallen ist. Gehen ist eine Art wiederkehrender, verhinderter Fall. Sehen wir die Fotographie des Spaziergängers stellen wir das nicht in Frage. Wir setzen eine Vollständigkeit des Gehens voraus.

Nur so können wir Gesundheit, Krankheit und Telos verstehen: Als Teile eines vollständigen Ganzen. Wir müssen von diesem Ganzen ausgehen und von seinem Kontext aus die Teile betrachten. Erst vor dieser Voraussetzung können wir mit der Analyse beginnen. Ansonsten werden wir irgendwelche Teile, die uns sinnvoll erscheinen, hervorheben und am Ende im Versuch sie zusammenzusetzen, ein hässliches Frankensteinmonster erschaffen. Nicht ganz tot, aber keinesfalls lebendig.

Das Unbehagen der Moderne

Once you settle into a story about your pain, you are extremely reluctant to challenge it. It was like a leash I had put on my distress to keep it under some control. I feared that if I messed with the story I had lived with for so long, the pain would be like an unchained animal, and would savage me.1

Hari entwirft in seinem Buch Lost Connections eben ein solches Bild, wie wir es vom Unbehagen der Moderne entwickeln. Es geht um ein gefährliches Raubtier, dass droht uns zu zerfleischen.

Eine Geschichte gibt dem formlosen Unbehagen eine konkrete, raubtierhafte Gestalt und fesselt es an eine Leine. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht auf die Akkuratesse seiner Metapher konzentrieren. Doch diese Bildsprache zeigt uns, dass die zugrunde liegende Struktur seines Erlebens seiner Depression eben derjenigen entspricht, mit der sich uns das Unbehagen der Moderne präsentiert: Es gibt das Chaos, das Dickicht mit dem lauernden Raubtier. Wir suchen nach Kontrolle. Wir halten uns an Gewissheit fest. Wir wissen, dass wir das andauernde Unbehagen nicht aushalten. Vielleicht nicht aushalten wollen? Wir glauben lieber an das Monster im Schrank und behalten die Schranktür im Auge, als den Blick schweifen zu lassen, ohne zu wissen, was auf uns lauert.

Doch das Unbehagen lässt uns Gespenster sehen. Und wer an Gespenster glaubt, übersieht vielleicht die glühenden Augen, die in Wahrheit auf uns lauern.

So stößt Hari auf eine gnadenlose Wahrheit: Er glaubt an die Geschichte, dass seine Depression nichts weiter ist als eine Problem seiner Gehirnchemie. Doch egal wie viele Antidepressiva er zu sich nimmt, Unbehagen und Traurigkeit kommen wieder.1

Wollen wir das Unbehagen der Moderne beenden, müssen wir Hari als Vorbild nehmen. Wir müssen falsche Propheten mit ihren falschen Heilsversprechen entlarven. Wir glauben, dass das Leben dazu da ist, uns glücklich zu machen. Dabei hat Frankl es schon Mitte des 20. Jahrhunderts erkannt:

Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben uns von erwartet!2

Das Geschenk des Lebens verpflichtet uns zu verantwortlichem Umgang. Das Leben dient nicht unserem Glück, sondern wir sind diejenigen, die den Dienst zu leisten haben. Wer sich dieser Regel verweigert, wird sein Unbehagen niemals ablegen können — allenfalls kurz und auf Kredit betäuben können.


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

  2. Viktor Frankl (2018 (Ersterscheinung: 1946)): … Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Pößneck: Penguin Verlag. 

Warum modernes Unbehagen und nicht moderne Angst?

Warum empfinden wir Menschen heutzutage ein Unbehagen? Es ist keine konkrete Angst, obwohl wir allzu gerne bereit sind spontan Angst zu empfinden. Es ist keine Aggression, obwohl wir gerne bereits sind spontan wütend zu werden. Es gibt keinen Grund zu Traurigkeit, obwohl wir gerne bereit sind zu leiden.

Vielleicht spiegelt die Formlosigkeit des Unbehagens eben genau das wieder. Das Chaos unserer Lebenswelt ist formlos. Wir sehen kein Raubtier, sondern nur ein undurchdringliches Dickicht. Nicht die konkrete Angst vor dem Raubtier, sondern das formlose Unbehagen, dass jederzeit aus dem Dickicht etwas hervorspringen könnte. Unser Unbehagen ist keine Panik, sondern ein zermürbendes Schwelen. Kein Feuer, nicht einmal Glut, sondern ein stickiger Rauch nimmt uns den Atem.

Daher ist besonders die wohlhabende Mittelschicht von Angststörungen und Depression gefährdet. Wirklich reiche Menschen sind Jäger aus Ehre. Sie könnten ausruhen und nichts tun, können dies aber nicht, denn die Jagd ist ihre Natur. Doch die wohlhabende Mittelschicht der westlichen Welt hat alles, braucht nichts mehr, doch gleichzeitig fehlt der Wille. Sie glauben weiterhin, dass ihnen etwas fehlt. Sie glauben, etwas zu brauchen, anstatt nun etwas zu wollen.

Sie sind die Vorboten der Sinnlosigkeit, die mit Wohlstand und dem Erklimmen der unteren Stufen der maslowschen Pyramide einhergeht.

Die Moderne ist eine Naturzerstörung der besonderen Art. Wir haben die unmittelbaren Probleme gelöst. Wir brauchen nicht mehr zu hungern oder uns vor Wölfen in Acht nehmen. Doch je mittelbarer die Probleme sind, desto formloser sind sie. Die unverhohlene Angst ist in das verhohlene Unbehagen gewandelt.

Die Lösung: Wir müssen uns wieder in Chaos begeben. Wir müssen Ausschau nach dem Raubtier halten. Wir müssen hinaus und den Drachen stellen wie Jordan Peterson sagen würde.

Wie Mitgefühl Leidende zu Sklaven ihres Leids machen kann

Hari benutzt einen Begriff namens Pain-Porn.1 In Büchern über Depression oder Angststörungen beschreiben Autoren ihren Zustand in einer immer überhöhterer Sprache. Dahinter scheint der Versuch zu stecken, einem Nichterkrankten deutlich zu machen, was es eigentlich heißt, wenn man solche Empfindungen hat.

Doch warum diese Leidenspornographie? Warum reicht es nicht aus, die Empfindung neutral und nüchtern zu beschreiben? Vielleicht spiegelt sich darin der Wunsch danach wieder verstanden zu werden. Nicht die akurate Beschreibung der Empfindungen, sondern Mitgefühl sind Ziel dieser Leidenspornographie.

Das Problem dabei ist, dass wir an dieser Stelle keine gute Unterscheidung von Schmerz und Leiden treffen können. Alle Menschen haben schmerzliche Ereignisse, doch nicht alle Menschen leiden am Schmerz. Es ist eben eine Pornographie des Leidens nicht: Pornographie des Schmerzes.

Dadurch scheint sich ein seltsames Darstellungsproblem zu ergeben: Suhlt sich jemand im Schmerz können wir ihm Verantwortung zusprechen. Wir sagen ihm, er solle damit aufhören und sein Leiden wird damit beendet sein. Als nichtleidende Menschen wissen wir, dass man nicht zu leiden braucht. Wir sehen einen leidenden Menschen mit der emotionalen Distanz, die wir selbst zum Schmerz haben. Unser Rat: Nimm Abstand von deinem Schmerz. Je größer der Abstand, desto geringer das Leiden. Dafür muss man kein Buddhist sein, um das zu verstehen. Dieses Wissen ist tief in uns angelegt. Wir brauchen es nur zu spüren und unser Gefühl ernstnehmen.

Doch wenn jemand auf seinem Leiden besteht, dem Nichtleidenden vorwirft nicht zu verstehen, muss er dem Nichtleidenden eine Art Anleitung dafür geben, wie man leidet. Leidenspornographie soll das Wie des beim Schmerz-Stehenbleibens erklären.

So können wir Leidenpornographie als ein Ergebnis verschiedener Aspekte verstehen:

  1. Ziel ist nicht die akurate Darstellung eines Phänomens. Vielmehr ist es der Versuch Mitgefühl zu erzeugen. Nicht die objektive Darstellung, sondern die subjektive Nähe zu einem Menschen, der sich selbst nicht mehr anders als Objekt von Schmerz sehen kann.
  2. Es ist eine Darlegung von Leiden und nicht von Schmerz.

Die Frage ist, ob Mitgefühl wirklich die Komponente ist, die fehlt, um Leiden zu beenden. Natürlich ist Mitgefühl wichtig, denn erst Mitgefühl ermöglicht uns, einem Leidenden mit der nötigen Würde gegenüberzutreten. Doch zu viel Mitgefühl versucht uns, die Opferhaltung des Leidenden zu akzeptieren. Mitgefühl hat viel mit dem beschützenden Instinkt zu tun, den wir gegenüber Kindern haben. Wenn das geschieht, dann müssen wir den Leidenden infantilisieren. Da ist natürlich auch das gemeinsam erklärte Ziel von Leidendem und Mitfühlendem. Der Leidende will sagen: Ich bin krank! Das heißt nichts anderes als “Ich habe kein Verantwortung und bin Opfer höherer Mächte.” Der Mitfühlende bestätigt ihn: Ja, du kannst nichts dafür. Deswegen kümmere ich mich um dich.

Was ist, wenn gerade die Selbstdegradierung zum Opfer eine der wichtigen stabilisierenden Faktoren für das Leiden ist? Eine von Mitgefühl geleitete Hilfe könnte in dem Fall zu einer kurzfristigen Erleichterung führen. Schließlich ist es eine Form von Nähe zu anderen Menschen. Das ist ein Weg, um sich besser zu fühlen. Doch nun erlernt man, dass die Selbstobjektivierung als Opfer, als Leidender, ein Mittel zu Erleichterung ist. Es ist der Versuch kurzfristig angelegte Mittel für langfristige Probleme zu verwenden. Der Leidende wird süchtig.[[201801241301]] Sein Leidensverhältnis zum Schmerz vertieft sich.

Wenn diese Überlegungen korrekt sind, sollte die die Auflösung der Selbstdegradierung zum Opfer eines der obersten Ziele sein, um das Leiden aufzulösen.

Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhestätte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten nützen. – Nietzsche

Vielleicht brauchen Leidende mehr Härte und nicht weniger? Wenn das Leben Leiden ist, wie die Buddhisten glauben, ist vielleicht die höchste Härte, die wir ertragen können, gleichzeitig mit dem geringsten Leiden verknüpft?

Vielleicht ist ein Aspekt der bedingungslosen Verantwortung die bedingungslose Verpflichtung zur bestmöglichen (nicht höchstmöglichen!) Härte für (nicht gegen!) sich selbst?

Das korrekte Mittel gegen Leiden ist nicht das Mitgefühl. Es ist die Balance aus Mitgefühl und Gnadenlosigkeit. So viel Mitgefühl wie nötig und so viel Gnadenlosigkeit wie möglich.

Dabei müssen wir uns mit Skin in the Game schützen! Gnadenlosigkeit für andere andere ohne Skin in the Game wird allzu schnell zu Grausamkeit — Gnadenlosigkeit gegen andere. Mitgefühl zu sich selbst, schnell zu Selbstmitleid.


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

Fröhlichkeit ist ein seltsames Gefühl

Fröhlichkeit ist ein seltsames Gefühl.

Wir können sowohl in Schmerz als auch in Lust erleben. In Lust fröhlich zu sein, sich beispielsweise über ein Geschenk zu freuen, ein warmes Bett im kalten Winterabenden oder einen guten Witz ist intuitiv und leicht.

In Schmerz fröhlich zu sein dagegen nicht intuitiv, aber trotzdem schnell einzusehen. Wenn wir eine spannende Partie Tischtennis spielen, so schnell laufen wie wir können, ausprobieren, wer länger an einer Stange hängen kann, uns auslachen, dass wir uns bei einer kalten Dusche erschrecken, können wir ebenso fröhlich sein.

Fröhlichsein übersteigt Schmerz und Lust und ist ein großartiges Gefühl — im wahrsten Sinne des Wortes: Es ist die Art eines großen Menschen.

Ein großer Mensch erkennt, dass sein Lebensweg als Resultat des Gehens selbst entsteht. In dieser Erkenntnis liegt die Voraussetzung, dass ein Mensch wirklich seinen eigenen Weg geht.

Der eigene Weg kann nicht bereits von jemand anderem gegangen sein. Das ist begrifflich ausgeschlossen, denn ginge jemand anderes schon diesen Weg, ist es der Weg des anderen und nicht der eigene.

Das heißt nicht, dass man keinerlei Einflüsse von Außen haben darf. Es droht keine Gefahr für den eigenen Weg, wenn man von anderen Menschen lernt. Man darf Kampfsport machen oder einen Marathon laufen. Das Bewusstsein in der Tätigkeit entscheidet, ob dies ein Vehikel auf dem eigenen Weg ist oder ob man einen ausgetreteten Pfad sucht.

Große Menschen sind sich der Unsicherheit des eigenen Wegs bewusst. Sie verstehen diese Unsicherheit. Dies kannst du als Reflexionshilfe benutzen. Suchst du nach Sicherheit? Entscheidest du dich aufgrund von Sicherheit oder der Entfaltung deines eigenen Selbst? Oder gehst du deinen eigenen Weg?

Wiederherstellung der Zukunft als Sinntechnik

Zeit ist eine metaphysische Voraussetzung für Sinn. Ohne eine Zukunft, ohne eine klare Zeitstruktur zerfällt die Lebenswelt. Die Wiederherstellung der Zeit können wir durch eine Ausrichtung auf die Zukunft erreichen.

Eine der wichtigen Sinntechniken ist daher die beständige Pflege einer Vision für die eigene Zukunft, einer Vorstellung vom Zweck.

In der Praxis sind die Zeitform von Sinn und die Zweckform eng miteinander verknüpft. Ein Zweck liegt zeitlich gesehen nach seinem Mittel. Das Mittel ist die Ursache für den Zweck. Setzen wir uns Zwecke generieren wir etwas, das in der Zukunft liegt. Unsere Zukunft ist kein leerer Raum mehr. Sie ist nun kein Ginnungagap, kein gähnender Abgrund, der uns zu verschlingen droht wie ein Ungeheuer.

Das ist, was eine leere Zukunft ist. Ein langsam, unaufhaltsam auf uns zurollendes Chaos, ein Ungeheuer mit unendlich großem Schlund. Gnadenlose Kiefer die zusammenschlagen, wenn wir vollends in sein Maul geraten sind. Das ist es, was uns Angst macht. Das ist die tief in uns sitzende Furcht, die in uns allmählich als Unbehagen der Moderne auftaucht und sich immer schlechter verdrängen lässt.

Schaffen wir jedoch einen Zweck knüpfen wir ein Seil über diesen Abgrund. Die Zwecke, die wir uns setzen sind die Anker, an denen wir Seile spannen. Und nun können wir balancieren. Das Ungeheuer, der gähnende Schlund ist nun unter uns. Nur weil wir uns Zwecke gesetzt haben, ist das Ungeheuer nicht verschwunden. Das Leben ist nicht leichter und wir haben auch nicht weniger Angst. Wir müssen lernen auf schmalen Grat zu wandern. Wir müssen unsere Sinne schärfen, müssen uns verbieten in den halbbewussten Dämmerschlaf zu versinken. Sonst fallen wir. Das Leben ist nicht leichter. Doch nun können wir das Leben bewältigen. Es gibt einen Weg, ein Seil, dass uns über den Abgrund tragen kann. Wir können es schaffen, den Abgrund zu überwinden.

Haben wir das akzeptiert, haben wir den ersten Schritt gemacht. Haben wir anfangs noch ungeschickte Versuche gemacht, uns überhaupt auf dem Seil zu halten, verwandeln wir uns mit jedem Schritt in virtuose Seiltänzer. Wir sind mit der Angst vertraut, doch nun können wir durch das Leben tanzen. Wir werden fröhlich. Damit haben wir den ersten Schritt gemacht, um am großen Sinn teilzuhaben. Wir sind keine Fallenden, keine Stolperer, keine hilflose Beute der Leere.

Doch was ist, wenn wir nicht über das Seil steigen? Was ist, wenn wir beginnen uns gegen das Ungeheuer stellen, dass im Abgrund wartet? Was ist, wenn wir das Tanzen zum Kämpfen wandeln? Was ist, wenn wir das Ungeheuer selbst besiegen? Dann brauchen wir kein Seil mehr zu spannen.

Doch in ewiger Wiederkehr wird ein nächstes Ungeheuer kommen. Es ist die Zukunft selbst, die uns immer wieder als diese gähnende Leere begegnet. Und so müssen wir entscheiden, wie wir dem Leben begegnen.

Sind wir Nihilisten? Dann gibt es keine Zwecke. Es gibt kein Seil und wir werden verschlungen.

Sind wir Hedonisten? Wir glauben zwar an keine höheren Zwecke, doch Lüste können ein Versprechen der Zukunft sein. Wir spannen Seile, stolpern nur so über den Abgrund, leben in dauernder Sorge und fluchen auf das Seil, fluchen darüber, dass wir über das Seil müssen, um an den Ort zu kommen, von dem wir glauben, dass er der einzige Ort ist, den es geben kann. Wir können leicht sehen, dass warum Hedonisten nicht fröhlich sind. Sobald wir den Abgrund überwunden haben, tut sich schon der nächste auf. Sind wir angekommen, haben wir den Zweck erreicht. Das Seil verschwindet und ohne Seil schiebt sich die Leere, das Ungeheuer wieder vor uns. Das Leben eines Hedonisten ist ein ewiges Stolpern, ein winziges Aufflackern von Erleichterung im Ankommen, ein Schrecken, wenn wir wieder Leere vor uns sehen, und Missmut, wenn wir ein neues Seil spannen müssen.

Sind wir Seiltänzer? Wir sehen die Notwendigkeit von Sinn an. Wir werfen unsere Seile aus, weil wir das Tanzen selbst als notwendigen Bestandteil des Lebens nicht nur akzeptieren, sondern ihn gutheißen. Ein Tänzer ist dann fröhlich, wenn er tanzt. Pause macht er nur, um zu verschnaufen. Die Pause dient dem Tanzen. Wir sind keine Hedonisten. Es gibt kein Stolpern, dass der kurzen Pause dient. Wir haben eingesehen, dass die Natur des Lebens selbst auf dem Seil liegt. Sieht der Hedonist sein Glück im Auflackern, kann er es nur in kurzen Augenblicken erleben. Doch wir sind nun Tänzer. Unser Glück finden wir im Tanz auf dem Seil. Deswegen sind die Tänzer von uns so fröhlich.

Sind wir Jäger? Dann gehen wir in den Abgrund und stellen das Ungeheuer. Wir riskieren unser Leben, um das Ungeheuer ein für alle mal zu erlegen. Der Seiltänzer ist schön anzuschauen. Das Leben sieht an ihm so leicht aus. Der Jäger aber, er kann sich Schönheit und Leichtigkeit nicht erlauben. Er kann keine Rücksicht darauf nehmen, denn seine Augen sind fest auf das Ungeheuer vor ihn gerichtet.

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (KSA JGB, ??)

Ein Jäger kann ein Held sein oder als Ungeheuer zurückkehren.

Unbehagen der Moderne als Vorahnung

Das Unbehagen der Moderne ist ein sehr reales Phänomen. Es ist keine Einbildung und kein Hirngespinst. Was ist das Unbehagen der Moderne? Es ist das Gefühl, alles zu haben und doch nichts, was uns Halt gibt.

Wir denken: Eigentlich müssten wir glücklich sein, haben wir denn nicht alles, was uns glücklich macht? Warum sind wir bedrückt, wenn wir alles haben?

Kein Glück der Welt kann uns Halt geben. Es sind Sinn und Bedeutung, an denen wir uns festhalten können, auf die wir uns stellen können wie auf festen Boden. Sie sind unsere Rüstung, unser Schutz, unser Schwert, mit dem wir unsere Lieben beschützen können. Das Unbehagen der Moderne ist die graue Vorahnung, dass wir den Halt verlieren.

Die Menschen in den Konzentrationslagern wurden auf die Probe gestellt. Viktor Frankl hat das Konzentrationslager als ein schreckliches Experiment erkannt: Was kann der sinnerfüllte Mensch überleben? Denn ohne Halt fallen wir in den Tod:

Die psychologische Beobachtung an den Lagerhäftlingen hat vor allem ergeben, daß nur derjenige in seiner Charakterentwicklung den Einflüssen der Lagerwelt verfällt, der sich zu vor geistig und menschlich eben fallengelassen hat; fallen ließ sich aber nur derjenige, der keinen inneren Halt mehr besaß!1

Nietzsche Frankl bestätigt:

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? — Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das. (KSA, GD)

Das Unbehagen der Moderne ist die Vorahnung, dass noch Schlimmeres kommen wird. Unser Leben ist so sinnlos geworden, dass wir nicht einmal unser modernes Leben aushalten. Es ist die Angst vor dem seelischen Tod. Der Mensch der Moderne ist so sinnlos geworden, dass er nicht einmal Wohlstand ertragen kann.

Wir haben bisher nur wenige Jahrzehnte in dieser Sinnlosigkeit gelebt. Noch zu Lebzeiten der sogenannten Millennial-Generation droht eine sehr deutliche Verstärkung dieses Unbehagens.


  1. Viktor Frankl (2018 (Ersterscheinung: 1946)): … Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Pößneck: Penguin Verlag. 

Nur Glaubensfragen können uns auf den Grund führen

Psychologie oder auch Ethik sind zu oberflächlich. Sie können uns auf einige Fragen präzise Antworten geben, doch wenn wir tief in uns gehen wollen, reichen sie nicht aus. Das können wir spüren. Die ethische Betrachtung hat in ihrer nüchternen Rationalität ein wunderbares Gefühl von Leichtigkeit. Rational zu sein, bedeutet emotionale Distanz, bedeutet, dass wir die Dinge nicht so nah an uns heranlassen. Doch in Wahrheit bedeutet es, dass wir das ignorieren, das schon immer ganze nah bei gewesen ist und für immer dort bleiben wird. Glauben werden wir nicht los. Wir müssen uns ihm stellen. Denn Glaubensfragen betreffen das Fundament des Glaubens. Wollen wir unseren eigenen Grund erreichen, müssen wir in die Tiefe tauchen. Wir tauchen dabei durch Psychologie, Neurologie, Philosophie und Ethik. In großer Tiefe lastet schwere Last auf uns. Das müssen wir bereit sein zu ertragen. — Auszug aus “Selbstentwicklung. Werde, der du bist”