Wie Mitgefühl Leidende zu Sklaven ihres Leids machen kann

Hari benutzt einen Begriff namens Pain-Porn.1 In Büchern über Depression oder Angststörungen beschreiben Autoren ihren Zustand in einer immer überhöhterer Sprache. Dahinter scheint der Versuch zu stecken, einem Nichterkrankten deutlich zu machen, was es eigentlich heißt, wenn man solche Empfindungen hat.

Doch warum diese Leidenspornographie? Warum reicht es nicht aus, die Empfindung neutral und nüchtern zu beschreiben? Vielleicht spiegelt sich darin der Wunsch danach wieder verstanden zu werden. Nicht die akurate Beschreibung der Empfindungen, sondern Mitgefühl sind Ziel dieser Leidenspornographie.

Das Problem dabei ist, dass wir an dieser Stelle keine gute Unterscheidung von Schmerz und Leiden treffen können. Alle Menschen haben schmerzliche Ereignisse, doch nicht alle Menschen leiden am Schmerz. Es ist eben eine Pornographie des Leidens nicht: Pornographie des Schmerzes.

Dadurch scheint sich ein seltsames Darstellungsproblem zu ergeben: Suhlt sich jemand im Schmerz können wir ihm Verantwortung zusprechen. Wir sagen ihm, er solle damit aufhören und sein Leiden wird damit beendet sein. Als nichtleidende Menschen wissen wir, dass man nicht zu leiden braucht. Wir sehen einen leidenden Menschen mit der emotionalen Distanz, die wir selbst zum Schmerz haben. Unser Rat: Nimm Abstand von deinem Schmerz. Je größer der Abstand, desto geringer das Leiden. Dafür muss man kein Buddhist sein, um das zu verstehen. Dieses Wissen ist tief in uns angelegt. Wir brauchen es nur zu spüren und unser Gefühl ernstnehmen.

Doch wenn jemand auf seinem Leiden besteht, dem Nichtleidenden vorwirft nicht zu verstehen, muss er dem Nichtleidenden eine Art Anleitung dafür geben, wie man leidet. Leidenspornographie soll das Wie des beim Schmerz-Stehenbleibens erklären.

So können wir Leidenpornographie als ein Ergebnis verschiedener Aspekte verstehen:

  1. Ziel ist nicht die akurate Darstellung eines Phänomens. Vielmehr ist es der Versuch Mitgefühl zu erzeugen. Nicht die objektive Darstellung, sondern die subjektive Nähe zu einem Menschen, der sich selbst nicht mehr anders als Objekt von Schmerz sehen kann.
  2. Es ist eine Darlegung von Leiden und nicht von Schmerz.

Die Frage ist, ob Mitgefühl wirklich die Komponente ist, die fehlt, um Leiden zu beenden. Natürlich ist Mitgefühl wichtig, denn erst Mitgefühl ermöglicht uns, einem Leidenden mit der nötigen Würde gegenüberzutreten. Doch zu viel Mitgefühl versucht uns, die Opferhaltung des Leidenden zu akzeptieren. Mitgefühl hat viel mit dem beschützenden Instinkt zu tun, den wir gegenüber Kindern haben. Wenn das geschieht, dann müssen wir den Leidenden infantilisieren. Da ist natürlich auch das gemeinsam erklärte Ziel von Leidendem und Mitfühlendem. Der Leidende will sagen: Ich bin krank! Das heißt nichts anderes als “Ich habe kein Verantwortung und bin Opfer höherer Mächte.” Der Mitfühlende bestätigt ihn: Ja, du kannst nichts dafür. Deswegen kümmere ich mich um dich.

Was ist, wenn gerade die Selbstdegradierung zum Opfer eine der wichtigen stabilisierenden Faktoren für das Leiden ist? Eine von Mitgefühl geleitete Hilfe könnte in dem Fall zu einer kurzfristigen Erleichterung führen. Schließlich ist es eine Form von Nähe zu anderen Menschen. Das ist ein Weg, um sich besser zu fühlen. Doch nun erlernt man, dass die Selbstobjektivierung als Opfer, als Leidender, ein Mittel zu Erleichterung ist. Es ist der Versuch kurzfristig angelegte Mittel für langfristige Probleme zu verwenden. Der Leidende wird süchtig.[[201801241301]] Sein Leidensverhältnis zum Schmerz vertieft sich.

Wenn diese Überlegungen korrekt sind, sollte die die Auflösung der Selbstdegradierung zum Opfer eines der obersten Ziele sein, um das Leiden aufzulösen.

Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhestätte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten nützen. – Nietzsche

Vielleicht brauchen Leidende mehr Härte und nicht weniger? Wenn das Leben Leiden ist, wie die Buddhisten glauben, ist vielleicht die höchste Härte, die wir ertragen können, gleichzeitig mit dem geringsten Leiden verknüpft?

Vielleicht ist ein Aspekt der bedingungslosen Verantwortung die bedingungslose Verpflichtung zur bestmöglichen (nicht höchstmöglichen!) Härte für (nicht gegen!) sich selbst?

Das korrekte Mittel gegen Leiden ist nicht das Mitgefühl. Es ist die Balance aus Mitgefühl und Gnadenlosigkeit. So viel Mitgefühl wie nötig und so viel Gnadenlosigkeit wie möglich.

Dabei müssen wir uns mit Skin in the Game schützen! Gnadenlosigkeit für andere andere ohne Skin in the Game wird allzu schnell zu Grausamkeit — Gnadenlosigkeit gegen andere. Mitgefühl zu sich selbst, schnell zu Selbstmitleid.


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

Fröhlichkeit ist ein seltsames Gefühl

Fröhlichkeit ist ein seltsames Gefühl.

Wir können sowohl in Schmerz als auch in Lust erleben. In Lust fröhlich zu sein, sich beispielsweise über ein Geschenk zu freuen, ein warmes Bett im kalten Winterabenden oder einen guten Witz ist intuitiv und leicht.

In Schmerz fröhlich zu sein dagegen nicht intuitiv, aber trotzdem schnell einzusehen. Wenn wir eine spannende Partie Tischtennis spielen, so schnell laufen wie wir können, ausprobieren, wer länger an einer Stange hängen kann, uns auslachen, dass wir uns bei einer kalten Dusche erschrecken, können wir ebenso fröhlich sein.

Fröhlichsein übersteigt Schmerz und Lust und ist ein großartiges Gefühl — im wahrsten Sinne des Wortes: Es ist die Art eines großen Menschen.

Ein großer Mensch erkennt, dass sein Lebensweg als Resultat des Gehens selbst entsteht. In dieser Erkenntnis liegt die Voraussetzung, dass ein Mensch wirklich seinen eigenen Weg geht.

Der eigene Weg kann nicht bereits von jemand anderem gegangen sein. Das ist begrifflich ausgeschlossen, denn ginge jemand anderes schon diesen Weg, ist es der Weg des anderen und nicht der eigene.

Das heißt nicht, dass man keinerlei Einflüsse von Außen haben darf. Es droht keine Gefahr für den eigenen Weg, wenn man von anderen Menschen lernt. Man darf Kampfsport machen oder einen Marathon laufen. Das Bewusstsein in der Tätigkeit entscheidet, ob dies ein Vehikel auf dem eigenen Weg ist oder ob man einen ausgetreteten Pfad sucht.

Große Menschen sind sich der Unsicherheit des eigenen Wegs bewusst. Sie verstehen diese Unsicherheit. Dies kannst du als Reflexionshilfe benutzen. Suchst du nach Sicherheit? Entscheidest du dich aufgrund von Sicherheit oder der Entfaltung deines eigenen Selbst? Oder gehst du deinen eigenen Weg?

Wiederherstellung der Zukunft als Sinntechnik

Zeit ist eine metaphysische Voraussetzung für Sinn. Ohne eine Zukunft, ohne eine klare Zeitstruktur zerfällt die Lebenswelt. Die Wiederherstellung der Zeit können wir durch eine Ausrichtung auf die Zukunft erreichen.

Eine der wichtigen Sinntechniken ist daher die beständige Pflege einer Vision für die eigene Zukunft, einer Vorstellung vom Zweck.

In der Praxis sind die Zeitform von Sinn und die Zweckform eng miteinander verknüpft. Ein Zweck liegt zeitlich gesehen nach seinem Mittel. Das Mittel ist die Ursache für den Zweck. Setzen wir uns Zwecke generieren wir etwas, das in der Zukunft liegt. Unsere Zukunft ist kein leerer Raum mehr. Sie ist nun kein Ginnungagap, kein gähnender Abgrund, der uns zu verschlingen droht wie ein Ungeheuer.

Das ist, was eine leere Zukunft ist. Ein langsam, unaufhaltsam auf uns zurollendes Chaos, ein Ungeheuer mit unendlich großem Schlund. Gnadenlose Kiefer die zusammenschlagen, wenn wir vollends in sein Maul geraten sind. Das ist es, was uns Angst macht. Das ist die tief in uns sitzende Furcht, die in uns allmählich als Unbehagen der Moderne auftaucht und sich immer schlechter verdrängen lässt.

Schaffen wir jedoch einen Zweck knüpfen wir ein Seil über diesen Abgrund. Die Zwecke, die wir uns setzen sind die Anker, an denen wir Seile spannen. Und nun können wir balancieren. Das Ungeheuer, der gähnende Schlund ist nun unter uns. Nur weil wir uns Zwecke gesetzt haben, ist das Ungeheuer nicht verschwunden. Das Leben ist nicht leichter und wir haben auch nicht weniger Angst. Wir müssen lernen auf schmalen Grat zu wandern. Wir müssen unsere Sinne schärfen, müssen uns verbieten in den halbbewussten Dämmerschlaf zu versinken. Sonst fallen wir. Das Leben ist nicht leichter. Doch nun können wir das Leben bewältigen. Es gibt einen Weg, ein Seil, dass uns über den Abgrund tragen kann. Wir können es schaffen, den Abgrund zu überwinden.

Haben wir das akzeptiert, haben wir den ersten Schritt gemacht. Haben wir anfangs noch ungeschickte Versuche gemacht, uns überhaupt auf dem Seil zu halten, verwandeln wir uns mit jedem Schritt in virtuose Seiltänzer. Wir sind mit der Angst vertraut, doch nun können wir durch das Leben tanzen. Wir werden fröhlich. Damit haben wir den ersten Schritt gemacht, um am großen Sinn teilzuhaben. Wir sind keine Fallenden, keine Stolperer, keine hilflose Beute der Leere.

Doch was ist, wenn wir nicht über das Seil steigen? Was ist, wenn wir beginnen uns gegen das Ungeheuer stellen, dass im Abgrund wartet? Was ist, wenn wir das Tanzen zum Kämpfen wandeln? Was ist, wenn wir das Ungeheuer selbst besiegen? Dann brauchen wir kein Seil mehr zu spannen.

Doch in ewiger Wiederkehr wird ein nächstes Ungeheuer kommen. Es ist die Zukunft selbst, die uns immer wieder als diese gähnende Leere begegnet. Und so müssen wir entscheiden, wie wir dem Leben begegnen.

Sind wir Nihilisten? Dann gibt es keine Zwecke. Es gibt kein Seil und wir werden verschlungen.

Sind wir Hedonisten? Wir glauben zwar an keine höheren Zwecke, doch Lüste können ein Versprechen der Zukunft sein. Wir spannen Seile, stolpern nur so über den Abgrund, leben in dauernder Sorge und fluchen auf das Seil, fluchen darüber, dass wir über das Seil müssen, um an den Ort zu kommen, von dem wir glauben, dass er der einzige Ort ist, den es geben kann. Wir können leicht sehen, dass warum Hedonisten nicht fröhlich sind. Sobald wir den Abgrund überwunden haben, tut sich schon der nächste auf. Sind wir angekommen, haben wir den Zweck erreicht. Das Seil verschwindet und ohne Seil schiebt sich die Leere, das Ungeheuer wieder vor uns. Das Leben eines Hedonisten ist ein ewiges Stolpern, ein winziges Aufflackern von Erleichterung im Ankommen, ein Schrecken, wenn wir wieder Leere vor uns sehen, und Missmut, wenn wir ein neues Seil spannen müssen.

Sind wir Seiltänzer? Wir sehen die Notwendigkeit von Sinn an. Wir werfen unsere Seile aus, weil wir das Tanzen selbst als notwendigen Bestandteil des Lebens nicht nur akzeptieren, sondern ihn gutheißen. Ein Tänzer ist dann fröhlich, wenn er tanzt. Pause macht er nur, um zu verschnaufen. Die Pause dient dem Tanzen. Wir sind keine Hedonisten. Es gibt kein Stolpern, dass der kurzen Pause dient. Wir haben eingesehen, dass die Natur des Lebens selbst auf dem Seil liegt. Sieht der Hedonist sein Glück im Auflackern, kann er es nur in kurzen Augenblicken erleben. Doch wir sind nun Tänzer. Unser Glück finden wir im Tanz auf dem Seil. Deswegen sind die Tänzer von uns so fröhlich.

Sind wir Jäger? Dann gehen wir in den Abgrund und stellen das Ungeheuer. Wir riskieren unser Leben, um das Ungeheuer ein für alle mal zu erlegen. Der Seiltänzer ist schön anzuschauen. Das Leben sieht an ihm so leicht aus. Der Jäger aber, er kann sich Schönheit und Leichtigkeit nicht erlauben. Er kann keine Rücksicht darauf nehmen, denn seine Augen sind fest auf das Ungeheuer vor ihn gerichtet.

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (KSA JGB, ??)

Ein Jäger kann ein Held sein oder als Ungeheuer zurückkehren.

Unbehagen der Moderne als Vorahnung

Das Unbehagen der Moderne ist ein sehr reales Phänomen. Es ist keine Einbildung und kein Hirngespinst. Was ist das Unbehagen der Moderne? Es ist das Gefühl, alles zu haben und doch nichts, was uns Halt gibt.

Wir denken: Eigentlich müssten wir glücklich sein, haben wir denn nicht alles, was uns glücklich macht? Warum sind wir bedrückt, wenn wir alles haben?

Kein Glück der Welt kann uns Halt geben. Es sind Sinn und Bedeutung, an denen wir uns festhalten können, auf die wir uns stellen können wie auf festen Boden. Sie sind unsere Rüstung, unser Schutz, unser Schwert, mit dem wir unsere Lieben beschützen können. Das Unbehagen der Moderne ist die graue Vorahnung, dass wir den Halt verlieren.

Die Menschen in den Konzentrationslagern wurden auf die Probe gestellt. Viktor Frankl hat das Konzentrationslager als ein schreckliches Experiment erkannt: Was kann der sinnerfüllte Mensch überleben? Denn ohne Halt fallen wir in den Tod:

Die psychologische Beobachtung an den Lagerhäftlingen hat vor allem ergeben, daß nur derjenige in seiner Charakterentwicklung den Einflüssen der Lagerwelt verfällt, der sich zu vor geistig und menschlich eben fallengelassen hat; fallen ließ sich aber nur derjenige, der keinen inneren Halt mehr besaß!1

Nietzsche Frankl bestätigt:

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? — Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das. (KSA, GD)

Das Unbehagen der Moderne ist die Vorahnung, dass noch Schlimmeres kommen wird. Unser Leben ist so sinnlos geworden, dass wir nicht einmal unser modernes Leben aushalten. Es ist die Angst vor dem seelischen Tod. Der Mensch der Moderne ist so sinnlos geworden, dass er nicht einmal Wohlstand ertragen kann.

Wir haben bisher nur wenige Jahrzehnte in dieser Sinnlosigkeit gelebt. Noch zu Lebzeiten der sogenannten Millennial-Generation droht eine sehr deutliche Verstärkung dieses Unbehagens.


  1. Viktor Frankl (2018 (Ersterscheinung: 1946)): … Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Pößneck: Penguin Verlag. 

Nur Glaubensfragen können uns auf den Grund führen

Psychologie oder auch Ethik sind zu oberflächlich. Sie können uns auf einige Fragen präzise Antworten geben, doch wenn wir tief in uns gehen wollen, reichen sie nicht aus. Das können wir spüren. Die ethische Betrachtung hat in ihrer nüchternen Rationalität ein wunderbares Gefühl von Leichtigkeit. Rational zu sein, bedeutet emotionale Distanz, bedeutet, dass wir die Dinge nicht so nah an uns heranlassen. Doch in Wahrheit bedeutet es, dass wir das ignorieren, das schon immer ganze nah bei gewesen ist und für immer dort bleiben wird. Glauben werden wir nicht los. Wir müssen uns ihm stellen. Denn Glaubensfragen betreffen das Fundament des Glaubens. Wollen wir unseren eigenen Grund erreichen, müssen wir in die Tiefe tauchen. Wir tauchen dabei durch Psychologie, Neurologie, Philosophie und Ethik. In großer Tiefe lastet schwere Last auf uns. Das müssen wir bereit sein zu ertragen. — Auszug aus “Selbstentwicklung. Werde, der du bist”

Bleib niemals so wie du bist

Mir scheint, dass das Problem vieler Menschen ist, dass sie an die eigene Unveränderbarkeit glauben. Sie sehen sich nicht als Ausgangspunkt eines zukünftigen Ichs.

So stellen sie sich beispielsweise eine schwierige Situation vor und fragen sich: Wie soll ich das bloß schaffen? Dabei werden sie zu diesem Zeitpunkt an eben dieser schwierigen Situation gewachsen sein. Alleine der Entschluss diese Situation aufrecht und kampfbereit zu begegnen wird sie stärker machen.

Mir erscheint, dass ein modernes Konzept von Kindererziehung auf eben jene Unveränderlichkeit abzielt. Es scheint, als gehe unsere Kultur davon aus, dass es eine wahre Seele eines Kindes gibt, die einer korrupten Gesellschaft widerstehen muss. Der Erfolg von Entwicklung bemisst sich daran, ob man sich treu bleiben konnte.

Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, erkennen wir nur noch daran, dass sie gerade nicht den Weg gehen, der uns von unserer Kultur vorgeschlagen wird.

Dieser Irrweg hat eine schlimme und eine noch schlimmere Konsequenz:

Erstens, wir verwechseln Abweichung von kulturellen Vorschlägen und Anreizen mit Treue zu sich selbst. Menschen, die kulturellen Vorschlägen folgen, müssen nun an sich zweifeln und fragen: Bin ich wirklich, der ich sein soll? Menschen, die kulturellen Vorschlägen nicht folgen, können eben dies mit Selbstfindung verwechseln. In beiden Fällen vernebelt diese Haltung unser Verständnis darauf, was eigentlich die Natur unserer Natur ist.

Zweitens, der Gedanke des zukünftigen Ichs wird verhindert. Dies ist unentschuldbar grausam. Die Zukunft ist Teil der Zeitform des Sinns. Ohne eine Zukunft haben wir weder Sinn noch Bedeutung. Das Fehlen einer Zukunft ist fast identisch mit einer Depression. Liegt es nicht auf der Hand, dass wir allen Grund haben depressiv zu sein, wenn wir keine Zukunft haben?

Wenn wir Menschen beibringen, dass es einen unveränderbaren Kern gibt, vernebeln wir die Sicht auf die Zukunft. Doch bringen wir Menschen bei, dass der Kern unantastbar ist, nehmen wir ihnen die Fähigkeit zu Sinn und Bedeutung.

Im ersten Fall ist das Resultat Selbstzweifel, im zweiten Fall ist das Resultat Nihilismus. Oder: Entweder Machtlosigkeit oder die seelische Abtötung.

Frankls Buch über die Schoah

Frankl schreibt zur Einleitung seines Buchs “…Trotzdem Ja zum Leben sagen”, dass dieses Buch ein Erlebnisbericht ist.

Nicht den großen Greueln gilt daher diese Darstellung — jenen Greueln, die ohnehin schon vielfach geschildert wurden (ohne deshalb allenthalben geglaubt worden zu sein) –, sondern den vielen kleinen Qualen oder, mit anderen Worten, der Frage: Wie hat sich im Konzentrationslager der Alltag in der Seele des durchschnittlichen Häftlings gespiegelt?1

Doch der Alltag des KZ kann nur als Kasuistik des Erlebens verstanden werden. Verstehen heißt in diesem Fall nicht: Die realen Ereignisse in einer objektiven Geschichte der Konzentrationslager und Schoah systematisieren. Das Phänomen Konzentrationslager ist erst dann verstehbar, wenn als ein Erleben angenommen wird. Erst das Erleben macht die Geschichte der Schoah relevant.

Es ist nicht nur unzureichend, schlechte Laune zu bekommen, weil wir von schlimmen Dingen lesen. Vielmehr noch: Es ist Scheinmoralität und damit verwerflich. Das Buch ist ein Schatz, die niedergeschriebenen Erfahrungen von unbegreiflichem Wert und wir in der Pflicht, diesen Schatz zu bergen. Wollen wir Verantwortung für die Taten der Menschen übernehmen, besteht die dafür benötigte Pflicht darin, durch die Beschäftigung und den zu Scheitern verurteilten Versuch des Nachempfindens ein besserer Mensch zu werden. Nur so kann man einem solchen Buch gerecht werden.


  1. Viktor (2018 (Ersterscheinung: 1978)): … Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Pößneck: Penguin Verlag. 

Schlechte Laune als Scheinmoralität

Für viele Menschen ist schlechte Laune eine der wenigen Möglichkeiten, wie sie sich als tugendhafte Menschen fühlen können.

Gutmenschen zeigen sich beispielsweise empört, wenn man falsche Begriffe in einer Talkshow benutzt hat. Sie zeigen gewissermaßen konditionierte Empörung. Wie moralische Maschinen schreien sie auf, wenn jemand beispielsweise die Medien als gleichgeschaltet bezeichnet und bellen: “Du Nazi!” Verstehen jedoch nicht, dass eben das der Vorwurf ist, der gegen die Medien gerichtet wurde. Sie zelebrieren ihre Empörung im Sinne der Wortgeschichte: Celebrare ist lateinisch für feiern. Endlich wieder kann ich wieder Tugend heucheln! Ein solcher Ausruf wäre immerhin ehrlich.

Andere Menschen brauchen Stunden, um sich von einem Bericht über hungernde Kinder zu erholen. Ihr Mitleid drückt sich ausschließlich darin aus, dass es nun auch ihnen schlecht geht. Interessant ist, dass sich das Mitleid von nur sehr wenigen Menschen in Handlunge ausdrückt, die das Leben eben jener eigentlich leidender Menschen verbessert.

Scheinmoralität hat wie immer zwei Komponenten:

  1. Der Schein, mit dem wir versuchen fremde Augen zu blenden.
  2. Der Schein, mit dem wir versuchen unsere eigenen Augen zu blenden.

So erhält sich Scheinmoralität auf zwei Weisen:

  1. Wir blenden unsere eigenen Augen und fangen uns mit einem tückischen Köder. Moralisch zu sein ist bedeutsam, Bedeutung wichtiger als gute Laune. Die scheinmoralische Selbsttäuschung erscheint uns als bedeutsam — solange wir uns selbst belügen können, bleibt es auch so.
  2. Wir bieten uns gegenseitig leichte und wohlschmeckende Sinnkost an: Wer am lautesten bellt, das schönste Theater der Empörung spielt, dem wird am eifrigsten auf die Schulter geklopft. Scheinmoralität verbreitet sich als eine emotionale Krankheit mit moralischen Symptomen.

Vorläufiges Inhaltsverzeichnis des Buchs “Selbstentwicklung”

  1. Grundbegriffe
    • Selbstwert
    • Selbstentwicklung
    • Entwicklung
    • Hierarchie
    • Bedeutung
    • Sinn
    • Selbsterkenntnis (Reflexion)
      • Selbst
      • Essenz
    • Erkenntnis
    • Wahrheit (Realität)
    • Relevanz
    • Handeln
    • Verantwortung
    • Wille
    • Schmerz
    • Lust
  2. Moralische Grundlagen
  3. Biologische Substanz der Selbstentwicklung
  4. Mythologische Substanz der Selbstentwicklung
    • Archetypen
    • König – Reich
    • Krieger – Wahrheit, Handeln
    • Magier – Wahrheit, Sprache
    • Lover – Liebe
  5. Psychologische Skripte der Selbstentwicklung
  6. Soziale Skripte der Selbstentwicklung
  7. Themen, Bereiche der Selbstentwicklung