Die Regierung kümmert sich nicht. Lebenszeit anderer Menschen kümmert sich.

Ein Problem beim Denken über politische Probleme ist, dass es möglich ist, der Regierung einen Subjektstatus zuzuweisen. Sprachlich gesehen sagt man dann: “Die Regierung soll sich um XY kümmern.”

Diese Rede- und Denkensweise ist jedoch häufig irreführend und überproportional bei der Forderung nach Rechten zu finden, ohne jedoch die damit einhergehenden Pflichten zu explizieren.

Sagt man, die Regierung solle sich um XY kümmern, muss man eigentlich sagen: Ich will das andere Menschen gezwungen werden, einen Teil ihres Lebens (Arbeit, Zeit, Geld) für XY opfern.

Beispiel 1: Wenn ich die Forderung nach Polizei stelle, muss ich das Folgende sagen: Menschen sollen einen Teil ihrer Lebenszeit investieren, damit eine Polizei für Sicherheit sorgen kann.

Beispiel 2: Wenn ich die Forderung danach stelle, dass Krankenkassen verpflichtet werden, für die Antibabypille zu bezahlen, muss ich das Folgende sagen: Einige Menschen sollen einen Teil ihrer Lebenszeit investieren, damit andere Menschen verhüteten Sex haben können.

Dabei geht es nicht um die einzelnen Fälle und ihre Legitimität. Es geht auch nicht darum wasserfallartig alles auf einmal an den jetzigen Gesetzen zu kritisieren. Diese Rede- und Denkensweise wollen wir uns selbst als Begrenzung auferlegen. Als Privatpersonen haben wir selbstverständlich eine politische Meinung. Da ist es leicht, aber auch billig, der Regierung Pflichten und Menschen Rechte zuzuweisen.

Es gibt einen konkreteren Gedanken, der dabei hilft: Sollen mein Nachbar, meine Mutter, meine Lehrerin, mein Fitnesstrainer und meine besten Freunde mit Waffengewalt gezwungen werden, einen Teil ihres Lebens für meine Forderung opfern.

Wenn man diesen Menschen in die Augen sehen kann und eine solche Forderung aussprechen kann, hat man einen guten Kandidaten für eine echte Meinung.

Die Moderne lässt Liebe verenden: Unabhängigkeit ist das Gegenteil von Liebe

Aus:[43]1

GIRLFRIEND: and we layed [sic] in bed talked for like four hours and like had sex during the whole thing; it was really like a moment; like he held me sooo tight for the rest of the night; i woke up like really close to him; and i felt something…

SHAIDA: that’s incredible intimacy… do you love him?

GIRLFRIEND: i am scared of loving him

SHAIDA: because of what being in love will do to you

GIRLFRIEND: because of what does that say about me….i’m just a weepy girl who relies on someone….i want to be independent and i think that it is important for women of our generation but saying i love someone and need him it’s like contradictory…hypocritical…but i also don’t want to give into love because i am scared he won’t call me….and i will be heartbroken and then feel like a stupid girl that should have known better.

Liebe ist freiwillige Abhängigkeit. Der Anspruch der modernen, unabhängigen Frau steht im direkten Kontrast zur Liebe. Der Anspruch von Unabhängigkeit ist für Männer und Frauen gleichermaßen problematisch für die Liebe.

Doch für eine Frau geht der Widerspruch noch wesentlich tiefer. Erst ein starker Mann ist ein attraktiver Mann. In dieser Stärke liegt ein Ungleichgewicht von Macht. Das ist an und für sich eine Herausforderung für eine Frau. Alleine die körperliche Überlegenheit des Mannes zwingt eine Frau mindestens beim Sex in eine Situation, in der sie sich einem Mann hingeben muss. Sie sucht zweisame Einsamkeit mit einem anderen Menschen, der sich ihr aufzwingen kann. Vertrauen oder Naivität machen das erst möglich.[[201808081025]]

Einer Frau ist das Bedürfnis umsorgt und beschützt zu werden zwangsläufig angelegt, weil sie Schutz und Fürsorge braucht, wenn sie schwanger ist und vor allem auch in der Zeit, in der sie sich um sich ein hilfloses Baby kümmern muss. Sie ist darauf angewiesen und dieses Bedürfnis ist so biologisch wie Hunger, Durst oder menschliche Berührung.

Eine Frau sucht förmlich Abhängigkeit: Aus den Tiefen ihrer uralten Instinkte und ihrer animalischen Natur sucht sie einen Mann, der ihr die Abhängigkeit geben kann, die sie braucht, um sich sicher zu fühlen. Liebe und Abhängigkeit sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Mir scheint, dass ein Mann emotional verrohen und verarmen kann. Irgendwie schafft es Männer besser als Frauen, stunden- und tagelang vor dem Computer zu sitzen und abstrakten Code in die Tasten zu hauen. Sie schaffen es Stunden des Tages vor Pornos zu verbringen und das Leben ohne die Berührung einer Frau. Statistisch gesehen denken sie weniger an Selbstmord und begehen weniger Versuche. Doch begehen sie die Mehrheit der erfolgreichen Selbstmorde. Die emotionale Welt des ungeliebten Mannes in einer unliebsamen Welt ist trostlos, eine öde, graue Geröllwüste.

Gleichzeitig scheint mir eine Frau nicht auf die gleiche Weise der Verrohung fähig zu sein wie ein Mann. Sie kann still oder offen leiden. Doch ihre Gefühle sind stark und vielleicht sogar ein wenig edler als die des Mannes. Doch Adel berechtigt nicht nur, er verpflichtet auch. Eine Frau lässt ihre Gefühle nicht einfach so sterben wie ein Mann. Sie kämpft. Sind Frauen vielleicht die Hoffnung auf Gefühle in einer modernen Welt?


  1. Laura Sessions Stepp (2008): Unhooked. How Young Women Persue Sex, delay Love and Lose at Both, NEw York: Riverhead Books. auf Amazon ansehen 

Hookup Kultur als Entmachtung der Frau

In traditioneller Rollenverteilung unter Voraussetzung von persönlicher Entscheidungsfreiheit waren Frauen Torwächter. Dadurch waren die Männer gezwungen, sich zu zu verhalten, wie es der weiblichen Natur entspricht: Höflich, bereit zu investieren, beschützend, fürsorglich. Natürlich galt immer noch, dass Frauen auf andere unmittelbare Reize zuerst reagieren: Breiter Rücken, schmale Hüften, gutes Aussehen, Dominanz, Humor und so weiter.

Wenngleich die tatsächliche Umsetzung ihre Tücken hat, konnte die traditionelle Rollenverteilung jedoch von ihrer grundlegenden Form her einen doppelten Filter zur Verfügung stellen:

  1. Die unmittelbare Ausstrahlung von Maskulinität sorgt für eine Vorselektierung. Attraktive Männer sind von vorne herein begehrte Männer — eine Binsenweisheit.
  2. Doch durch einen längeren und aufwändigeren Prozess des Umwerbens der Frau, ist eine unmittelbare Attraktivität des Mannes nicht genug. Im Laufe der Brautwerbung hat eine Frau viel Zeit einen Mann zu prüfen. Das erhöht die Anforderungen an den Mann.

Die vielleicht bekannteste Manifestation dieser Form ist die amerikanische Datingkultur. Durch die modernere Hookup-Kultur verlieren Frauen einen Filter. Der zweite Filter wird weitgehend aufgelöst.

  1. Durch das Versprechen auf schnellen Sex durch ein immer größer werdenden Pool von Frauen, den man durch Software wie Tinder effizient beernten kann, ist die Motivation von Männern sich um die Gunst einer Frau gesenkt. Es winkt das beständige Versprechen einer “leichten” Frau.
  2. Die sexuelle Konkurrenz unter Frauen ist vergrößert. Aus der Freiheit ist nun auch in gewisser Weise eine neue Anforderung an die moderne Frau gestellt: Will sie einen Mann an sich binden, muss sie dies in einem Kontext größerer und unmittelbarer Versuchung tun.

Gleichzeitig führt die Hookup Kultur zu einer generellen Verschlechterung der Qualität der Männer. Sie schafft weniger Anreize, sich zu einem Mann zu entwickeln, der einen Charakter hat, der auch für eine langfristige Bindung taugt. Nun spielen vor allem kurzfristige Qualitäten eine Rolle.

Nicht umsonst haben sich Phänomene wie Pickup parallel zur Auflösung der traditionellen Umwerbung der Frau gebildet. Wenn nun die unmittelbare maskuline Attraktivität die entscheidende Qualität ist, während sich gleichzeitig ein Feld bildet, in dem man sich für ungebundenen Sex ohne langfristige Hingabe entscheiden kann, gibt es das Problem der Paretoverteilung: Die obersten 20% der Männer sind von 80% der Frauen begehrt. Entsprechend ist die Verfügbarkeit von Sex. Wenige Männer leben in einer Welt des sexuellen Überflusses, während viele Männer ungebunden und ohne Partnerin (die Single- und Hookup-Kultur betrifft schließlich nicht nur die Frauen), mit großem Aufwand um die Frauen buhlen. Wir Menschen, insbesondere Männer, sind findige Ingenieure. Die Pickup-Gemeinschaften unterliegen kollektive Erkenntnis- und Tüftelprozesse, um diesen Anforderungen zu genügen. Dabei können wir zwei Formulieren wählen. Die erste ist eine positive aus Sicht der Männer und die zweite ist eine negative aus Sicht der Frauen:

  1. Welche Währung Frauen auch immer verlangen, wir Männer haben sie in der Tasche.
  2. Natürlich haben wir als Frauen sexuelle Freiheit eingefordert, aber das heißt nicht, dass ihr die Erlaubnis habt, uns zu manipulieren und auszutricksen.

Ich habe diese beiden Formulieren nicht umsonst gewählt. Was Pickup genau ist, hängt äußerst stark vom Blickwinkel der Betrachtung ab. Für Männer ist Pickup ein Vehikel der Selbstentwicklung. Frauen werden dabei allerdings zum Objekt und Mittel der Selbstentwicklung gemacht. Männer lernen zu verstehen, was sie tun müssen, um sexuelles Verlangen bei einer Frau auszulösen. Es ist aber eine Sammlung von Mitteln, um kognitive Verwundbarkeiten von Frauen auszunutzen, die seit vielen Millionen von Jahren Nebenprodukt des menschlichen Paarungsverhaltens sind. Pickup ist vergleichbar mit einer Lebensmitteltechnologie zur Herstellung von Fastfood.

Der sich Ernährende wird zum Objekt und Mittel der Entwicklung von Lebensmitteltechnologie gemacht. Es gibt keinen harten Eingriff in die Selbstbestimmung des Konsumenten. Er wird zu nichts gezwungen, sondern nur mit überzeugenden Angeboten konfrontiert. Wählen wir das Individuum als Grundeinheit unserer Betrachtung, liegt die moralische Last auf dem Konsumenten. Er hat schließlich die Wahl und bestimmt durch seine Wahl das Angebot: Die Nahrungsmittelindustrie kann nur das produzieren, was lange und stark genug nachgefragt wird. Ist die Grundeinheit unserer Betrachtung ein Kollektiv wie eine Gesellschaft, können wir beobachten, dass die Annahme auf Ebene des Individuums sich auf gesellschaftlicher Ebene scheitert: Die Industrienationen werden proportional zu den Errungenschaften der Lebensmittelindustrie fetter. Ebenso verstoßen Pickuptechniken nicht gegen die Selbstbestimmung der Frau. Noch stärker: Wäre es nicht eine äußerst abwertende Haltung, glaubte man daran, dass eine Frau sich durch einfache Taktiken in Gespräch und Körpersprache fremdbestimmten lässt? Doch die Techniken werden gelehrt, weil sie in gewisser Weise funktionieren. Die feminine Psyche reagiert auf maskuline Reize und lernt man diese zu senden, werden sie entsprechend empfangen. Zweifellos haben einige dieser Techniken an und für sich eine Wirkung.

Es gibt also gute Gründe dafür, dass die traditionelle Rollenverteilung auf Ebene des zwischengeschlechtlichen Werbungsverhaltens dem Schutz und dem Vorteil der Frauen diente: Von Männern wurden anspruchsvollen Auflagen verlangt, Frauen wurde als Torwächterrolle die Kontrolle und Macht zugesprochen.

Daher ist es kein Wunder, dass die Hookup-Kultur zum unmittelbaren Vorteil für Männer wird:

Of course, hooking up gives guys something as well, and It’s a big something: more immediate access to sex without having to work for it. One can argue that that helps explain its popularity. […] guys frequently create the social environment in which hooking up flourishes and set the expectations about what girls will do.1

Ebenso ist es kein Wunder, dass die Feministen zweiter Welle diese Hookup-Kultur auch unter diesem Aspekt bewerten:

Some older feminists have even suggested that men use the hookup as a revenge against women they believe are moving ahead of them in school and careers.1 (Meine Hervorhebungen)

Männer verändern ihre Paarungsstrategie und ihr Charakter, wie der eines jeden Menschen, nimmt die Form der an ihn gestellten Anforderungen an:

Wether spurred on by nefarious motives or simply enjoying the freedom of uncensored lust, guys have not doubt that they’re the winners in the hookup culture. “Because girls are more assertive, it’s easy for us to be assholes,” a senior man at GW told me.1 (Meine Hervorhebungen)


  1. Laura Sessions Stepp (2008): Unhooked. How Young Women Persue Sex, delay Love and Lose at Both, NEw York: Riverhead Books. S.38. auf Amazon ansehen 

Tinder als moderne Entwertung des Individuums

Tinder hat symbolische Bedeutung für das moderne, urbane Leben. Man badet in einem Meer von Möglichkeiten, ertrinkt alsbald darin und glaubt, dass das Glück im Meer zu finden ist. Mit jedem Zug schwimmt man weiter ins Nichts, ins Meer der Möglichkeiten, bis man im Meer des Chaos angelangt ist. Und dann wundert man sich, dass alle Menschen, sich selbst eingeschlossen, unglücklich sind, obwohl man doch alles zu haben scheint, was man haben kann. Doch “wer nichts Bestimmtes sucht, findet auf Tinder reichlich davon.”1 Man muss nach Bedeutung suchen. Dazu muss verstehen, dass Menschen Landtiere sind und auf dem Meer nichts verloren haben.

Tinder entpuppte sich für mich als die Quintessenz der Großstadt-Single-Identität: Der tägliche Massenmord der Möglichkeiten konzentriert in der Form einer Gratis-Handy-App. Es macht keinen Unterschied, ob man selektiert oder einfach alles mitnimmt, was einem angeboten wird. Der nächste Vorschlag kommt immer. Die Einzigartigkeit der Begegnung, ein vollkommen austauschbares Ereignis. Warum sich überhaupt für jemanden entscheiden, wenn die bessere Alternative vermeintlich immer nur eine Ecke weiter bzw. eine Fingerbewegung nach rechts wartet. Am Ende stand die Einsicht: Die App funktioniert. Wer nichts Bestimmtes sucht, findet auf Tinder reichlich davon. Das kann eine Zeit ganz cool sein, mehr aber auch nicht.1


  1. http://www.theeuropean.de/clemens-lukitsch/8709-sex-und-dating-selbstversuch-mit-tinder 

Eine Absolution die nur Kinder geben können

Bedank dich ehrlich und aufrichtig bei deinen Eltern, dass sie dich in diese Welt gebracht haben.

Es ist ein unglaublich wichtige Sache für die Eltern. Alle Eltern habe Schiss, dass sie Fehler machen. Berechtigt, weil alle Eltern das machen. Eltern sind überfordert, nicht immer emotional reif und in allgegenwärtigem Selbstzweifel. Eltern brauchen die Vergebung ihrer Kinder. Aber nicht in Form von “Ich weiß, du hast scheiße gebaut, aber nicht schlimm.” Das ist keine Vergebung. Vergebung ist Privatsache und zwar für jeden einzelnen. Es ist die Aufgabe von uns Kindern, unseren Frieden mit den Fehlern unserer Erziehung zu machen. Der andere Teil der Aufgabe ist es, sich bei den Eltern zu bedanken. Egal, was sie dann daraus machen.

Mir und anderen hat es jedenfalls sehr geholfen.

Moderne Medien retten

Warum kann man den Massenmedien so wenig trauen? Das Vertrauen in Medien wird noch weiter sinken. Solange, bis die Medien verstehen, dass ihr zentraler Zweck ist, die Bevölkerung, insbesondere die einfache Leute — nicht die Eliten und gehobene Mittelschicht –, zu informieren und wie erwachsene Menschen zu behandeln. Jetzt ist die Gelegenheit für Medien: Das Angebot für Vertrauen ist nahezu null. Und der Bedarf ist höher denn je. Die Anforderung: Trotz des Wesens des Journalismus die moralische Integrität und Neutralität bewahren.

Kontrolle durch Medien

Was ist, wenn die Medien uns nicht kontrollieren, weil es eine große Verschwörung gibt? Vielleicht ist es lediglich ein Mechanismus, wie uns auch Zucker dick macht und keine Verschwörung braucht, um den Zucker in unsere Münder zu bringen?