Prinzip persönlichen Glücks macht einsam

Wenn sich jeder um sein eigenes Glück kümmert, ist man jedem egal.

Das ist die Folge davon, dass das Ego so ins Zentrum unserer Kultur gerückt ist. Jeder rät jedem, er sollte einfach das machen, was ihn alleine glücklich macht, als ob jeder ein Experte seines eigenen Glücks ist. In Wirklichkeit ist es extrem schwer, herauszufinden, was einen glücklich macht. Wir können es kaum alleine und wenn es überhaupt zu schaffen ist, nur von sehr wenig Menschen. Es ist kein Prinzip für viele Menschen.

Die Suche nach persönliches Glück macht einsam, weil man immer mehr übersieht, wie wichtig es ist, sich für eine Gemeinschaft aufzuopfern und in andere Menschen zu investieren.

I kept noticing a self-help cliché that people say to each other all the time, and share on Facebook incessantly. We say to each other: “Nobody can help you except you.”1

We have started to believe that doing things alone is the natural state of human beings, and the only way to advance We have begun to think: I will look after myself, and everybody else should look after themselves, as individuals. Nobody can help you but you. Nobody can help me but me. These ideas now run so deep in our culture that we even offer them as feel-good bromides to people who feel down — as if it will lift them up.1


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

Unterschied zwischen Metapher und Modell

Eine Metapher zielt darauf ab, dass man ein Gefühl für eine Sache bekommt. Eine Metapher bedient sich einer Sprache, die das Körpergefühl aktivieren soll. Ihr Ziel ist die Aktivierung der Sinne und damit eine Erdung eines Gedanken in der Präsenz in der Welt.

Dagegen zielt ein Modell auf die Abstraktion bestimmter Eigenschaften des modellierten ab. Sie will das Funktionieren hervorheben und bedient sich dabei der Sprache der Repräsentation.

Eine Metapher gibt uns ein Gefühl und erdet uns durch sinnliche Präsenz in der Welt. Dafür zahlt sie Präzision. Ein Modell dagegen schafft Distanz und gibt uns damit eine tiefere, rationale Einsicht. Doch auch das Modell muss für seinen Wert bezahlen. Das Modellierte wird zum leblosen Objekt und gibt uns eben kein Gefühl für es.

Ein Modell gibt es ein sachliches Verständnis, während eine Metapher uns ein Gefühl für die Sache gibt.

Wenn man glaubt, eine Sache verstanden zu haben, sollte man versuchen sie zu reproduzieren. Wenn es dabei um ein etwas geht, das man verstanden haben will, sollte man sich dabei beider Wege bedienen: Man sollte es als Modell aber auch als Metapher reproduzieren. So hat man beide Hirnhälften benutzt, sowohl ein sachliches Verständnis als auch ein Gefühl für die Sache erarbeitet.

Gewohnheiten sind auf unserer Sinnkarte eingezeichnet

Sind Gewohnheiten real? Irgendwie nicht. Denken wir darüber nach, kommen wir schnell zum Schluss, dass Gewohnheiten Konstrukte sind, Hirngespinste gewissermaßen. Wir können sie nicht sehen. In unserem Wohnzimmer liegt eine Yogamatte und der morgendliche Sonnengruß. Doch selbst, wenn wir gründlich darüber nachgedacht haben, gehen wir wie jeden Morgen noch etwas schlaftrunken ins Wohnzimmer und gehen routiniert die verschiedenen Positionen durch und fühlen uns befreit und voller Energie. Wir handeln so, als wäre die Gewohnheit real.

Auf unserem Weg, in diesem Falle morgens durch unsere Wohnung, ist sie wie eine Weggabelung. Wir könnten auch einen Weg gehen, den wir sonst nie gehen. Doch der andere Weg ist verfallen und verwittert. Wir müssten klettern, würden uns am Gestrüpp zerkratzen und nicht einmal da ankommen, wo wir hinwollen. Dieser andere Weg ist aus gutem Grund verwittert und unser gewohnter Weg ein bewährter Trampelpfad, den wir uns erarbeitet haben. Gewohnheiten sind genauso real wie Trampelpfade und verfallene Halbpfade. In unserem Handeln zeigt sich ohne Kompromisse, was wir für uns real ist.

Die Sinnkarte ist ebenso eine Abbildung der Realität wie ein Grundriss unserer Wohnung, eine Landkarte oder eine Fotographie.

Sinn muss erlernt werden

Es gibt Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Voraussetzung für Sinn und Bedeutung sind. Sinn kann auch als Fertigkeit betrachtet werden. Oder kürzer: Sinn muss man können.

Je länger wir nich die nötigen Fertigkeiten wie Verantwortungs- oder Opferbereitschaft geübt haben, desto verkümmerter sind sie. Wir geraten in einen Zustand erlernter Hilflosigkeit.

Haben wir nie erlebt, wie wir selbst Sinn hervorbringen können, wie sollen wir darauf vertrauen, dass es möglich ist? Der Weg aus der modernen Sinnlosigkeit in ein Leben voll Sinn und Bedeutung muss manchmal mit kleinen und kleinsten Aufgaben anfangen.

So I asked — why don’t you do it, Joe? Why don’t you leave? “Right,” he said. And he looked hopeful. And then he looked afraid. Later in our conversation, I came back to it. “You could do it tomorrow,” I said. “What’s stopping you?” There’s a part of all of us, he says, that thinks “if I keep buying more stuff, and I get the Mercedes, and I buy the house with the four garages, people on the outside [will] think I’m doing good, and the I can will myself into being happy.” He wanted to go. Yet he was beign blocked by something neither he nor I fully understood. Ever since then, I’ve been trying to understand why Joe probably won’t go. Something keeps many of us trapped in those situations that’s more than just needing to pay the bills. I was going to investigate it soon. As I said goodbye to Joe, and he began to walk away, I called after him: “Go to Florida!” The moment I said it, I felt foolish. He didn’t look back.1

Aber wir können damit nicht anfangen, wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen. Sinn und Bedeutung sind uns zugänglich, selbst wenn wir im Konzentrationslager einsitzen. Wir können erst mit diesen wichtigen Aufgaben anfangen, wenn wir den kindlichen Irrglauben aufgeben, dass sich erst die Umgebung ändern muss, bevor wir uns ändern können. Erst dann können wir zu einer heilenden Kraft für unsere Umgebung werden. Ein kranker Mensch weiß, was ihm wehtut. Aber allzu oft ist sein Blick durch Schmerz verschleiert. Er kann nicht sehen, was es heißt gesund zu sein und was man als gesunder Mensch machen kann. Wenn die Krankheit in der Blindheit selbst besteht, darf man seinen Augen nicht trauen. Dann sollte man lieber nicht nach draußen sehen, sondern nach Innen fühlen.


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

Berufung als Heuristik für Sinn und umgekehrt

Warum gibt es Eigenschaften unserer persönlichen Berufung, die

  1. nichts mit dem Inhalt der Tätigkeit, sondern ihren Bedingungen zu tun hat, und
  2. nichts mit unserer Einzigartigkeit als Mensch, sondern mit der conditio humana zu tun hat?

Der einfache Grund ist, dass eine Berufung den Bedingungen von Sinn unterliegt. Berufung ist ein spezifizierter sinnvoller Zustand eines Teilbereichs unseres Lebens. Die allgemeinen Eigenschaften sind wiederum spezielle Ausführungen der generellen Bedingungen des guten Lebens.

Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten für unsere Überlegungen.

  1. Der Beruf gibt uns eine greifbare Heuristik dafür, was im Allgemeinen sinnvoll und sinnlos ist. Was im Beruf für uns Menschen im Allgemeinen keinen Sinn macht, macht für den Menschen als Ganzes keinen Sinn. Im Beruf spiegelt sich der Mensch als Ganzes wieder. In der Berufung soll sich der Mensch als Ganzes wiederspiegeln.
  2. Suchen wir nach allgemeinen Eigenschaften von Berufung, sind die allgemeinen Eigenschaften von Sinn gute Anfänge und müssen wahrscheinlich nur noch für diesen speziellen Bereich des menschlichen Lebens neu formuliert werden.

Depression ernst nehmen

Eine Sichtweise auf Depression ist Folgende: Der Depressionskranke ist übermäßig pessimistisch und schätzt Situationen prinzipiell schlechter ein als sie sind.

Gegen diese Position können wir halten, dass der Depressionskranke vielleicht guten Grund dazu hat, in dieser emotionalen Lage zu sein? Vielleicht sind es nicht die einzelnen Situationen, die er zu pessimistisch bewertet. Vielleicht erscheinen die Situationen ihm als Hinweise und Andeutungen für sein Leben insgesamt. In diesem Fall nimmt der Depressionskranke sein Leben ernst und sieht bloß in den individuellen Situationen sein Leben, anstatt nur diese Situation.

Die interessante Frage ist: Was passiert, wenn wir nicht davon ausgehen, dass die immer häufiger auftretenden Depressionsstörungen bloß eine Häufung von Krankheiten sind? Was können wir daraus lernen, wenn wir dieses Phänomen ernst nehmen und uns fragen, ob wirklich etwas falsch ist.

Ein Nebeneffekt dieser anderen Ausgangsposition ist, dass wir auch den einzelnen Menschen ernst nehmen. Anstatt ihm sagen zu müssen, dass er spinnt, können wir uns gemeinsam mit ihm auf die Suche nach den Gründen seines Unbehagens machen. Diese Gründe können wir nur finden, wenn wir auch ihre Existenz annehmen.

Vielleicht ist es so, dass jemand der depressiv ist, gute Gründe hat, depressiv zu sein. Vielleicht haben wir lediglich die Gründe noch nicht gefunden und damit auch nicht verstanden?

Das würde zu der modernen Häufung von Depressionserkrankungen passen: Ist es wirklich Zufall, dass immer mehr Menschen ein Unbehagen der Moderne fühlen?

Moderne als Krankheit als Verfehlen des gemeinten Mensch

Moderne als Krankheit kann dabei nur vor dem Hintergrund des Menschen als Ganzes verstanden werden. Wir müssen von einem Ziel des Menschen, vom ganzen Menschen, ausgehen.

Dabei ist der Mensch nicht nur ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft. Seine Arbeitsfähigkeit und die Möglichkeit seiner wirtschaftlichen Nutzung sind nicht die einzigen Eigenschaften, wenngleich dies das zentrale Interesse unserer von der Wirtschaft bestimmten Gesellschaft ist. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht in unreife Kapitalismuskritik verstricken. Der wirtschaftliche Nutzen des Menschen ist eine wichtige Eigenschaft, die zum Funktionieren unserer Gesellschaft unerlässlich ist, ob kapitalistisch oder nicht. Wir Menschen sind immer auch Arbeitskraft.

Das ist etwas Gutes! Die Wirtschaft hat ein Eigeninteresse daran, dass die Moderne als Krankheit geheilt wird. Moderne als Krankheit macht äußerst unproduktiv, wie wir sehen werden. Wir können in der Wirtschaft, gerade auch in der kapitalistisch organisierten Gesellschaft, einen Verbündeten sehen.

Doch der Mensch ist nur zu einem Teil das Mitglied einer wirtschaftenden Gesellschaft. Er ist auch empfindsames Wesen, ist auch sinnsuchendes Wesen, Teil einer Familie, ein lebendiger Organismus mit Vitaminbedarf und vieles mehr.

Dass die Moderne eine Krankheit ist, das ist Gefühl und Überzeugung vieler und immer mehr Menschen. Das müssen wir ernst nehmen. Immer mehr Menschen sagen: So sind wir nicht gemeint.

Einen Menschen lieben heißt ihn so sehen, wie Gott ihn gemeint hat. — Dostojewski

Dabei wollen wir uns nicht nur auf kalte Analyse verlassen. Die wichtigsten Antworten haben wir bereits. Ist der Mensch als diffus ängstlicher Depressiver gemeint? Wohl kaum. Ist der Mensch als mager- oder fresssüchtig gemeint? Ist der Mensch als Nihilist gemeint? Als Hedonist oder Masochist? Die einzig zulässige Antwort ist: Nein! In diesem “Nein!” steckt ein “Ja!” zum Menschen. In dieser Antwort steckt keine abstrakte Analyse. Es ist keine komplizierte Analyse nötig, um dieses “Ja!” zu verstehen. Es ist ein Akt des Glaubens, ein Akt des Vertrauens, es ist eine Entscheidung zum Anfang.

Ich bin lieber optimistisch und irre mich, als pessimistisch und korrekt. — Elon Musk

Nur ein Telos kann uns sagen, was gesund und krank ist

  • Telos ist das Ziel von etwas.
  • Orthologie ist die Lehre von Zuständen und Prozessen, die zu diesem Ziel hinführen
  • Pathologie ist die Lehre von Zuständen und Prozessen, die von einem Ziel wegführen oder das Erreichen verhindern.

Sowohl Orthologie als auch Pathologie können nicht ohne dieses Ziel verstanden werden. Die Unterscheidung von Erreichen und Nichterreichen eines Ziels ist gewissermaßen der Geburtsmoment dieser drei Entitäten.

Haben wir kein Telos, kein Ziel, können wir Zustände, Prozesse, Handlungen und alles andere nicht bewerten. Ohne ein Ziel machen die Begriffe Treffen und Verfehlen keinen Sinn.

Das heißt auch, dass wir die Begriffe Gesundheit und Krankheit nicht verstehen können, wenn wir sie nicht als etwas aufeinander bezogenes Ganzes betrachten. Krankheit ist kein Ding, dass man hat und dann nicht mehr. Das, was wir als Krankheit betrachten, ist vielmehr eine Art Fotographie von etwas, das in Bewegung ist. Machen wir eine Fotographie von einem Spaziergänger würden wir auch nicht auf die Idee kommen, dass er im Begriff zu fallen ist. Gehen ist eine Art wiederkehrender, verhinderter Fall. Sehen wir die Fotographie des Spaziergängers stellen wir das nicht in Frage. Wir setzen eine Vollständigkeit des Gehens voraus.

Nur so können wir Gesundheit, Krankheit und Telos verstehen: Als Teile eines vollständigen Ganzen. Wir müssen von diesem Ganzen ausgehen und von seinem Kontext aus die Teile betrachten. Erst vor dieser Voraussetzung können wir mit der Analyse beginnen. Ansonsten werden wir irgendwelche Teile, die uns sinnvoll erscheinen, hervorheben und am Ende im Versuch sie zusammenzusetzen, ein hässliches Frankensteinmonster erschaffen. Nicht ganz tot, aber keinesfalls lebendig.

Das Unbehagen der Moderne

Once you settle into a story about your pain, you are extremely reluctant to challenge it. It was like a leash I had put on my distress to keep it under some control. I feared that if I messed with the story I had lived with for so long, the pain would be like an unchained animal, and would savage me.1

Hari entwirft in seinem Buch Lost Connections eben ein solches Bild, wie wir es vom Unbehagen der Moderne entwickeln. Es geht um ein gefährliches Raubtier, dass droht uns zu zerfleischen.

Eine Geschichte gibt dem formlosen Unbehagen eine konkrete, raubtierhafte Gestalt und fesselt es an eine Leine. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht auf die Akkuratesse seiner Metapher konzentrieren. Doch diese Bildsprache zeigt uns, dass die zugrunde liegende Struktur seines Erlebens seiner Depression eben derjenigen entspricht, mit der sich uns das Unbehagen der Moderne präsentiert: Es gibt das Chaos, das Dickicht mit dem lauernden Raubtier. Wir suchen nach Kontrolle. Wir halten uns an Gewissheit fest. Wir wissen, dass wir das andauernde Unbehagen nicht aushalten. Vielleicht nicht aushalten wollen? Wir glauben lieber an das Monster im Schrank und behalten die Schranktür im Auge, als den Blick schweifen zu lassen, ohne zu wissen, was auf uns lauert.

Doch das Unbehagen lässt uns Gespenster sehen. Und wer an Gespenster glaubt, übersieht vielleicht die glühenden Augen, die in Wahrheit auf uns lauern.

So stößt Hari auf eine gnadenlose Wahrheit: Er glaubt an die Geschichte, dass seine Depression nichts weiter ist als eine Problem seiner Gehirnchemie. Doch egal wie viele Antidepressiva er zu sich nimmt, Unbehagen und Traurigkeit kommen wieder.1

Wollen wir das Unbehagen der Moderne beenden, müssen wir Hari als Vorbild nehmen. Wir müssen falsche Propheten mit ihren falschen Heilsversprechen entlarven. Wir glauben, dass das Leben dazu da ist, uns glücklich zu machen. Dabei hat Frankl es schon Mitte des 20. Jahrhunderts erkannt:

Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben uns von erwartet!2

Das Geschenk des Lebens verpflichtet uns zu verantwortlichem Umgang. Das Leben dient nicht unserem Glück, sondern wir sind diejenigen, die den Dienst zu leisten haben. Wer sich dieser Regel verweigert, wird sein Unbehagen niemals ablegen können — allenfalls kurz und auf Kredit betäuben können.


  1. Johann Hari (2018): Lost Connections. Uncovering the Real Causes of Depression and the Unexpected Solutions, Croydon: Bloomsbury. 

  2. Viktor Frankl (2018 (Ersterscheinung: 1946)): … Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Pößneck: Penguin Verlag. 

Warum modernes Unbehagen und nicht moderne Angst?

Warum empfinden wir Menschen heutzutage ein Unbehagen? Es ist keine konkrete Angst, obwohl wir allzu gerne bereit sind spontan Angst zu empfinden. Es ist keine Aggression, obwohl wir gerne bereits sind spontan wütend zu werden. Es gibt keinen Grund zu Traurigkeit, obwohl wir gerne bereit sind zu leiden.

Vielleicht spiegelt die Formlosigkeit des Unbehagens eben genau das wieder. Das Chaos unserer Lebenswelt ist formlos. Wir sehen kein Raubtier, sondern nur ein undurchdringliches Dickicht. Nicht die konkrete Angst vor dem Raubtier, sondern das formlose Unbehagen, dass jederzeit aus dem Dickicht etwas hervorspringen könnte. Unser Unbehagen ist keine Panik, sondern ein zermürbendes Schwelen. Kein Feuer, nicht einmal Glut, sondern ein stickiger Rauch nimmt uns den Atem.

Daher ist besonders die wohlhabende Mittelschicht von Angststörungen und Depression gefährdet. Wirklich reiche Menschen sind Jäger aus Ehre. Sie könnten ausruhen und nichts tun, können dies aber nicht, denn die Jagd ist ihre Natur. Doch die wohlhabende Mittelschicht der westlichen Welt hat alles, braucht nichts mehr, doch gleichzeitig fehlt der Wille. Sie glauben weiterhin, dass ihnen etwas fehlt. Sie glauben, etwas zu brauchen, anstatt nun etwas zu wollen.

Sie sind die Vorboten der Sinnlosigkeit, die mit Wohlstand und dem Erklimmen der unteren Stufen der maslowschen Pyramide einhergeht.

Die Moderne ist eine Naturzerstörung der besonderen Art. Wir haben die unmittelbaren Probleme gelöst. Wir brauchen nicht mehr zu hungern oder uns vor Wölfen in Acht nehmen. Doch je mittelbarer die Probleme sind, desto formloser sind sie. Die unverhohlene Angst ist in das verhohlene Unbehagen gewandelt.

Die Lösung: Wir müssen uns wieder in Chaos begeben. Wir müssen Ausschau nach dem Raubtier halten. Wir müssen hinaus und den Drachen stellen wie Jordan Peterson sagen würde.