Intelligenzija als Priesterklasse der Opazität

Die Intelligenzija ist eine Art moderne Priesterklasse der Opazität. Wissenschaftlichkeit als Szientismus ist die neue Religion. Als Vermittler zwischen eines unerklärlichen Jenseitigen und der unverständigen Allgemeinbevölkerung positionieren sie sich so, dass sie sich zwischen die eigentliche Wissenschaft und den gesunden Menschenverstand schieben.1

So wie Priester sich in aufwändigen Ritualen und Dekoration einen besonderen Status verschaffen, so hat die Intelligenzija ihre eigene Version von Opazität.

Für die Intelligenzija gilt, dass ihr besondere Status in direkter Abhängigkeit zur Kompliziertheit der Themen steht. Das heißt, dass sie ein Eigeninteresse daran haben, die Themen unangemessen zu komplizieren.

Dabei geht es nicht um die Integrität des einzelnen Intellektuellen, wenngleich es selten ist, dass ein Intellektueller integer ist. Aber diejenigen, die es schaffen, eine Sache zu verkomplizieren und zu verschleiern haben einen besonderen Selektionsvorteil, solange eine allgemeine Wissenschaftsgläubigkeit dazu führt, dass Menschen sich von langen Worten täuschen lassen.


  1. Nassim Nicholas Taleb (2018): Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life, Great Britain: Allen Lane. S.160. auf Amazon ansehen 

Arroganz der Intelligenzija

Das wahre Gesicht der Intelligenzija zeigt sich, wenn sie von Populismus sprechen. Es gibt zwei Seiten des Populismus:

  1. Eine politische Partei nimmt den Willen des Volks oder der Gruppe auf, deren Stellvertreter sie sind.
  2. Eine politische Partei generiert den Willen des Volks durch Manipulation.

Beiden ist gemeinsam, dass sie sich an eine Menge von Leuten richtet. Doch wenn sich ein Intellektueller über das Thema Populismus äußert, spricht er so, als wären beide Seiten des Populismus negativ. Er zeigt dadurch seine ideologische Verblendung, denn er ist unfähig ein Problem in seiner Komplexität zu handhaben und reduziert sie unreflektiert auf eine Hälfte.

  1. Das Volk ist dumm oder emotional (er meint: dumm durch Emotionen). Der Wille des Volks oder der Gruppe ist unvernünftig. Dabei kann er dies wohlwollend oder feindselig vertreten. Er kann sich verständnisvoll für die Gefühle der “einfachen Leute” geben, sich also in wohlmeinender Überheblichkeit über andere Menschen erheben. Oder er ist feindselig und etikettiert die entsprechende Gruppe als feindselig. Formulierungen wie “Das Volk ist dumm.” sind Indizien (keine Beweise!) für die totale Bezeichnung. Indizien für eine ideologisch motivierte Verurteilung der Gruppe ist die laufende Bezeichnung der Gruppe verschiedener Abwertungen. (Wir finden beispielsweise die reflexhafte Bezeichnung von Gruppen als “rassistisch”, “sexistisch” und vielen anderen Ismen, wenn einer der Ismen identifiziert wurde) https://www.youtube.com/watch?v=vRquPxdHNGE
  2. Jeder Einfluss auf die Meinungsbildung des Volks wird als Populismus verurteilt, wenn sie nicht dem aktuellen Dogma der Intelligenzija entspricht. Das heißt, dass jede öffentliche Kommunikation immer vor dem Hintergrund der “wahren” Meinung bewertet wird.

Spricht er zu Menschen, die er als Genossen (oder Kamerad) der Intelligenzija wähnt, genügt ihm die Bezeichnung einer Partei als populistisch, um Kritik zu üben. Er geht davon aus, verstanden zu werden, weil er in seiner Muttersprache sprechen kann: Lingua franca Intelligenzija.

Spricht er mit Menschen, die er nicht als Genossen (oder Kameraden) der Intelligenzija erwähnt, kommt es durchaus vor, dass er blind für die Erklärungsbedürftigkeit der Populismuskritik ist. Er bezeichnet etwas als Populismus und wundert sich, dass er nicht verstanden wird. Er sieht sich mit Einwürfen konfrontiert, dass die Meinung von anderen Menschen auch vernünftig sein kann, obwohl sie von seiner eigenen Meinung abweicht.

Von hier entscheidet sein Temperament und sein Charakter, wie er damit umgeht. Ist er wahnsinnig, wiederholt er seine bisherige Taktik. Er wiederholt sein Verhalten und erwartet ein anderes Ergebnis. Ist er dumm, ist er erschüttert und versteht die Welt nicht mehr. Ist er aufbrausend, geht er zum Angriff über (meistens ad hominem). Ist er melancholisch, deprimiert er und fühlt sich einsam.

Komplexe Phänomene erfordern einen nicht-ideologischen Umgang zu dem der Intellektuelle nicht fähig ist. Ist der Intellektuelle mit Komplexität konfrontiert, muss er sich entscheiden: Gibt er (zumindest teilweise) seine ideologische Blindheit (oder auch: selbstverschuldete Unmündigkeit) auf oder erhärtet er sie und sucht nach schärferen Waffen?

Kunst und Massenfertigung sind nicht unvereinbar

Ein anschauliches Beispiel ist die Arbeit des Schriftstellers. Seine Aufgabe ist es nicht, möglichst viele Bücher zu schreiben. Seine Aufgabe ist es, möglichst gute Bücher zu schreiben. Der Verleger übernimmt dann die Aufgabe der Massenfertigung und des Marketings.

Orientiert sich der Schriftsteller zu stark an der Massentauglichkeit verliert er sein Ikigai, damit seinen Sinn und damit auch seinen Anreiz zur handwerklichen Güte. Es ist für ihn schlecht, denn er verringert seinen Sinn als Shokunin. Es ist für die Menschen schlecht, seine Werke verlieren ihre Qualität.

Orientiert sich der Schriftsteller überhaupt nicht an der Massentauglichkeit, ist sein Werk für die meisten Menschen irrelevant. Das ist für ihn schlecht, denn er schreibt Irrelevantes. Das ist für die Menschen schlecht, denn sie können nicht die Bücher lesen, die der Schriftsteller schreiben könnte.

Die Zusammenarbeit von Schriftsteller und Verleger sollte daher so gestaltet werden:

  1. Der Schriftsteller arbeitet so wie ein Artisan und versucht die beste Qualität von Texten herzustellen. Dabei orientiert er sich sowohl an dem, was er selbst als Güte empfindet, als auch an der Relevanz für die Menschen.
  2. Der Verlag übernimmt die Massenproduktion der Bücher und das Marketing.

Weil ein Buch eigentlich ein geistiges Werk ist und nur zu einem ganz geringen Teil von der physischen Manifestation als tatsächliches Buch abhängt, funktioniert diese Doppelstrategie so gut. Der Verleger kann durch schlechte Papierqualität oder schlechten Satzspiegel das Buch ein Stück weit kaputt machen. Aber heutzutage ist das eher selten.

Ebenso verhält es sich mit Bildern. Wenn wir einen Nachdruck der Mona Lisa kaufen oder uns eine digitale Kopie ansehen, verlieren wir vielleicht die Struktur, die einem Ölbild zu eigen ist. Doch wir verlieren bei weitem nicht alles. Die Vervielfältigung der Bilder ermöglicht es, vielen Menschen Zugang zur Kunst zu gewinnen, ohne viele Millionen Euro auszugeben oder nach Paris reisen zu müssen.

Ikigai als täglicher Sinn in gelebter Einfachheit

Als Ikigai wollen wir den täglich gelebten und erfahrbaren Sinn verstehen. Wenn wir Ikigai locker als Grund morgens aufzustehen übersetzen, dann können wir uns ein anschauliches Bild von diesem Sinnkonzept machen.

Ikigai ist der Sinn unseres Lebens, der sich in täglichen Handlungen widerspiegelt:

  • Der Tänzer, der früh morgens aufsteht, und seinen Körper mit Mobilisierungs- und Kräftigungsübungen vorbereitet, lebt in dieser Morgenroutine sein Ikigai.
  • Der Unternehmer, der abends seinen Schreibtisch aufräumt und sich einen Überblick über die Aufgaben des nächsten Tages verschafft, lebt in dieser Art seines Feierabends sein Ikigai.
  • Der Schmied, der seine Arbeit damit beginnt, sein Werkzeug zurechtzulegen und es in einem traditionellen Ritual segnet, lebt in diesem Ritual sein Ikigai.
  • Die Mutter, die jeden Abend die Kleidung ihres Kindes herauslegt, lebt darin ihr Ikigai.

Der japanische Begriff meint nicht nur die praktische Seite. Der Begriff beschreibt auch ein konkretes Gefühl. Die Doppelnatur dieses Begriffs können wir vielleicht am ehesten durch den folgenden Satz einfangen:

Ikigai haben wir dann, wenn die täglichen Gewohnheiten ein Ausdruck des Sehnens unserer Seele nach Sinn sind.

Weil dieses Sehnen in unseren täglichen Handlungen ihr Ziel erreichen kann, ist Ikigai keine große, fantastische Angelegenheit mit viel Feuerwerk. Einfachheit ist die Voraussetzung für Ikigai.

Klugheit ist mehr als nur Intellekt

Klugheit basiert nicht nur auf einem hohen IQ. Sie muss von Hartnäckigkeit und Mut begleitet werden. Dazu braucht es Motivation. Skin in the Game ist die ultimative Motivation und damit eine wichtige Säule für Klugheit. Das ist die Quelle der oft erstaunlichen geistigen Leistungen von Drogenabhängigen angesichts des Entzugs.

Vielleicht könnte man Klugheit eher mit der kristallinen Intelligenz vergleichen, während der Begriff der Intelligenz eher die fluide Intelligenz meint. Dadurch wäre auch die Beziehung von Klugheit und einem hohen IQ in der Alltagssprache klar.

Klugheit muss man sich erarbeiten. Die reine, fluide Intelligenz kann viele Probleme nicht lösen. Die Welt ist zu komplex, damit wir Menschen sie nur mittels ihres Geistes verstehen können. Wir müssen durch unsere Handlungen in Kontakt mit der Welt kommen, um Informationen zu gewinnen, die unsere Vorurteile und unseren Widerstand gegen Neues brechen.

Beispiel: Für Menschen, die kein intensives Kältetraining machen, scheint es Sinn zu machen, sich so schnell wie möglich nach einer Sitzung aufzuwärmen. Es ist ein intellektuell einwandfreier Gedanke, der dem Test der Praxis nicht standhält. Sinnvoller ist es, wenn man sich noch einige Augenblicke in ruhig in kalter Luft aufhält. So ist der Übergang von Kälte zurück zur Wärme nicht so stressig und subjektiv deutlich angenehmer.

Das Konzept von Klugheit veranschaulicht, dass der Erkenntnisprozess nicht rein geistig zu verstehen ist. Sowohl Denken als auch Handeln sind gleichermaßen im Erkenntnisprozess beteiligt. Wer nicht handelt, denkt nur halb und wird damit nicht klug.

Allzu intensive Begriffsarbeit führt den Philosophen weg von der Alltagssprache

Alltagssprache entsteht durch die Aushandlung von Bedeutung in der Kommunikation. Begriffsarbeit tendiert dazu lange von einem einzelnen Denkenden betrieben zu werden. Dazu noch ist Begriffsarbeit hauptsächlich darauf ausgerichtet ein Fachvokabular zu entwickeln.

Eine gute Philosophie muss Rücksicht darauf nehmen und versteht diese Distanz als Schwäche. Diese Distanz macht sie nicht nur schwerer verständlich, sondern auch weniger relevant. Es ist daher die Aufgabe der Philosophie sich immer wieder zu versichern, dass sie alltagssprachliche Begriffe benutzt und sich auf die konkrete Lebenswelt echter Menschen bezieht.

Philosophie, die das missachtet, ist irrelevant. Ihre Unverständlichkeit liegt nicht in ihrem Anspruch. Sie ist nicht verstehbar, weil sie nichts enthält, dass verstehbar ist. Verständlich: Sie ist irrational.