Macht und doch Gleichberechtigung?

Heute sind an einen Mann zwei konträrer Anforderungen gesetzt:

  1. Auf der einen Seite soll er dominant und überlegen sein, denn das wirkt auf Frauen anziehend.
  2. Auf der anderen Seite soll er die Frau als gleichwertige Partnerin akzeptieren. Das ist eine soziale Norm unserer heutigen Kultur.

Für einen Mann ist dies eine sehr seltsame Anforderung und viele Männer umgehen diese Herausforderung, indem sie sich für eine Seite entscheiden.

Die eine Möglichkeit ist den Anspruch an die Gleichwertigkeit der Frau aufzugeben. Frauen stehen eben auf Arschlöcher, so heißt es im Volksmund. Ein sogenanntes Arschloch kann hat immerhin noch Erfolg bei den Frauen, weil er über irgendeine Form von Integrität und Dominanz verfügt. So wird er durch seinen Erfolg bei den Frauen auf das Arschlochsein konditioniert. (Das heißt nicht, dass man nicht auch als Nichtarschloch attraktiv sein kann und auf dieses Verhalten konditioniert wird)

Die andere Möglichkeit ist es Dominanz und Überlegenheit aufzugeben. Das sind die sogenannten Kumpeltypen. Frauen lieben sie – als Freunde. Sie erhalten ebenfalls viel positive soziale Sanktionen. Sie sind netten und freundlichen Männer, die von Frauen zwar gemocht, aber nicht für attraktiv befunden werden.

Sollte man diesen konträren Anforderungen gerecht werden?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir betrachten, woher die Anforderungen kommen.

Die erste Anforderung scheint eine eher evolutionär-psychologische Anforderung zu sein. Ein dominantes Männchen signalisiert eine hohe Potenz und eine hohe Überlebens- und Fortpflanzungswahrscheinlichkeit. Im Tierreich finden wir immer wieder das gleiche Muster. Der Silberrückengorilla , der Löwe mit seiner Mähne oder der Hirsch mit seinem Geweih sind Beispiele dieser Version von Geschlechterdifferenz. Wir Menschen fallen anscheinend in das gleiche Schema. Alleine der körperliche Unterschied zwischen den Geschlechtern spricht dafür, dass auch körperliche Stärke ein wichtiges Attraktionsmerkmal für Männer ist. Aber auch Macht, Status und Dominanz sind ebenfalls klassische Merkmale eines attraktiven Mannes.

Die zweite Anforderung scheint eher eine Folge der modernen Version von Gleichberechtigung der Frau zu sein. Den Frauen sind, wenigstens oberflächlich,1 die gleichen sozialen Positionen geöffnet, wie den Männern.

Vor dem Hintergrund einer Partnerschaft, also einem intimen Verhältnis auf Augenhöhe, kann dies auch eine moralische Anforderungen an eine Beziehung sein.

Wenn man eine Frau als gleichwertige Partnerin haben will, gilt es Machtverhältnisse auszugleichen. Ein dauerhaftes Machtgefälle steht einem Gleichwert entgegen, wenigstens solange Macht einen Beitrag zum Selbstwert leistet.

Weil es in der subjektiven Wahrnehmung höchstwahrscheinlich so ist, dass man den Selbstwert aus dem eigenen Vermögen (hier im Sinne von Macht und nicht von Geld) bezieht, braucht man nicht einmal einen moralischen Anspruch zu Grunde legen.

Es sind reale Anforderungen: Auf der einen Seite bedeutet Macht Selbstwert in der subjektiven Selbstwahrnehmung, während auf der anderen Seite ein Machtgefälle in Form von Dominanz ein wichtiges Moment der zwischengeschlechtlichen Anziehung ist.

Es ist ein Dilemma, dass eine Auswirkung auf die psychische Gesundheit hat. Hier liegt ein Widerspruch in Form von sozialen und psychischen Anforderungen an das Individuum vor.

Wie kann man diesen konträren Anforderungen widerspruchsfrei gerecht werden?

Eine Möglichkeit habe ich oben bereits genannt. Wir können einen der beiden Ansprüche aufgeben.

Eine andere Möglichkeit ohne Aufgabe einer der Widersprüche wäre es, den Machtanspruch auf bestimmte Bereiche zu begrenzen.

Klassisch wäre es, dass der Mann außerhalb des gemeinsamen Haushalts eine Führungsrolle übernimmt, während die Frau diese Führungsrolle innerhalb des gemeinsamen Haushalts übernimmt.

Die klassische Rollenverteilung kann demnach eine Möglichkeit sein beiden Ansprüchen gerecht zu werden.


  1. Dass Frauen weniger in Führungspositionen zu finden sind und für gleichqualifizierte Arbeit schlechter bezahlt werden, spricht dagegen, dass dies auch tatsächlich der Fall ist. 

Schönheit und Wahrheit

Wahrheit ist nicht direkt zugänglich. Wenn wir einen direkten Zugang zur Wahrheit hätten, könnte es keinen Irrtum mehr geben. Wir wären uns unfehlbar sicher, ob etwas wahr oder falsch ist.

Weil Wahrheit nicht direkt zugänglich ist, brauchen wir so etwas wie eine Rechtfertigung. Es ist unser Mittel, um Hinweise für die Wahrheit von etwas zu sammeln.

Wenn wir uns zum Beispiel fragen, ob es wahr ist, dass Angela Merkel eine Frau ist, sammeln wir Eigenschaften, die dafür sprechen, und Eigenschaften, die dagegen sprechen.

Wenn wir nach der Wahrheit suchen, dann machen wir eine Unterscheidung zwischen dem Für-Wahr-Halten und dem Wahr-Sein. Diesen Unterschied versuchen wir durch unsere Bemühungen zu überwinden.

Verhält es sich mit Schönheit nicht ebenso?

Die meisten Menschen behaupten, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Das heißt, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass das Für-Schön-Halten identisch mit dem Schön-Sein ist. Doch die Spielregeln ändern sich, wenn wir nach der Natur der Schönheit fragen. Was ist Schönheit eigentlich?

Die Frage nach der Natur des Schönen ist identisch mit der Frage nach der Natur der Wahrheit:

  1. Gibt es Wahrheit unabhängig von einem erkennenden Subjekt?
  2. Gibt es Schönheit unabhängig von einem erkennenden Subjekt?

Schließlich wollen wir mit der Frage nicht wissen, was irgendjemand für schön oder wahr hält, sondern was Schönheit selbst ist.

Weil jeder von uns lediglich ein erkennendes Subjekt ist, kann man diese Fragen natürlich nicht abschließend beantworten. Wir stoßen hier an die Grenzen, die durch unsere eigene Irrtumsmöglichkeit gesetzt sind. Es ist jedoch auffällig, dass die Frage nach der Schönheit an die gleichen Grenzen stößt, wie die Frage nach Wahrheit. Wir stehen dabei vor den Problemen der Letztbegründung. Wie kommen an diese nicht heran, zumindest nicht im formalen Sinne.

Von der Forderung der Widerspruchsfreiheit, also der Forderung die Mindestvoraussetzung für Sinn zu erfüllen, betrachtet können wir aber eine Entscheidung erzwingen.

Schlussendlich versuchen wir das Für-Wahr-Halten möglichst plausibel zu machen. Wie überprüfen wir das Ganze? Wir wählen Kriterien aus, die uns zeigen, ob unser Für-Wahr-Halten auch wirklich die Wahrheit trifft. Wir kommen nicht umhin irgendeine Form von unabhängiger Wahrheit zu unterstellen. Sonst hätten wir mit unseren Erkenntnisbemühungen kein wirkliches Ziel.

Pessimistische Erkenntnistheorien sind es nur im Bezug darauf, dass wir nicht an die unabhängige Wahrheit gelangen. Laut ihnen sind gefangen in unserem Für-Wahr-Halten.

Wo ist der Unterschied zur Schönheit?

An diesem Punkt ist kein Unterschied erkennbar. Man mag unseren direkten Zugang zu einer von uns unabhängig existierenden Schönheit verneinen. Das setzt aber voraus, dass man Schönheit als unabhängig von uns akzeptiert, solange man ästhetische Urteile trifft.

Zu sagen, dass mein ästhetisches Urteil abhängig von mir als erkennenden Subjekt ist, ist genauso inhaltsreich oder -arm, wie zu sagen, dass mein Wahrheitsurteil von mir als erkennenden Subjekt abhängt.

Wenn sich Schönheit so wie Wahrheit verhält, ist es plausibel, dass es eine von uns als erkennendem Subjekt unabhängige Schönheit gibt.

Soziale Rollen als Schwierigkeit und Chance

Auf der einen Seite ist die unglaubliche Vielzahl sozialer Rollen eine große Herausforderung unserer Moderne, die oft in Krisen (vgl. Erik Eriksons 5. Stufe) um unsere Identität verbunden sind.

Nach meiner Beobachtung lösen Menschen das Problem vieler, sich oft wiedersprechender, sozialer Rollen häufig durch eine Reduktion eines Kerns aus unveränderbaren, persönlichen Eigenschaften zu Gunsten einer sehr kleinen und an viele soziale Gelegenheiten anpassungsfähigen, weichen Persönlichkeitsstruktur. Das leite ich aus Experimenten wie dem Stanford Prison Experiment ab.

In diesem Experiment, dass Phillipp Zimbardo eindrücklich in seinem Buch Luzifer-Effekt beschrieben hat, hat sich gezeigt, dass die Teilnehmer innerhalb von Stunden und nicht von Tagen ihre Verhaltensdisposition ihren Rollen angeglichen haben. Nur ein Teilnehmer hat dem Druck widerstanden und ist sich treu gegeben.

Das heißt, dass es gewöhnlich ist charakterschwach zu sein.1 Doch das heißt auch, dass wir Hoffnung haben dürfen. Es ist möglich, sich den äußeren Umständen zu widersetzen, um sich selbst nicht zu verlieren.

Du kannst bleiben, wer du bist. Das ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass du werden kannst, der du bist.

Jede soziale Rolle bietet eine Reihe von einzigartigen Anforderungen an uns. Es sind Gelegenheiten zu lernen und sich selbst zu entwickeln.

Ich habe beispielsweise drei Jahre lang einen Autisten mit Epilepsie und einer schweren geistigen Behinderung betreut. Schwere Anfälle mit vorhergehender Aggressionsattacke waren an der absoluten Tagesordnung.

Was habe ich aus dieser Zeit lernen können?

  • Ich habe lernen können, in Notsituationen absolut ruhig zu bleiben und einfach das Nötigste zu tun, um die Situation zu verbessern.
  • Ich habe gelernt, meinen Ekel zu überwinden. (Windeln wechseln, massive Spukeattacken)
  • Ich habe mich in echtem Mitgefühl und Toleranz üben können, denn die Eltern waren selbstverständlich absolut überfordert und haben teilweise nicht funktional gehandelt. Unter anderen Umständen und ohne Einblick hätte ich wohl wenig versöhnlich geurteilt. Indem ich ihre massive Überforderung erlebt habe, habe ich meine These entwickelt, dass es uns allen so geht und die meisten vermeintlich bösen Handlungen vielmehr aus Schwäche entschieden werden.
  • Ich habe gelernt, dass ein Mensch zu sein nichts Besonderes ist. In den oft sehr langweiligen Stunden ewiger Wiederholung von Handlungen hatte ich viel Gelegenheit nachzudenken. Obwohl denke, dass man danach streben sollte, möglichst menschlich zu sein, um das Mensch sein zu etwas Besserem zu überwinden, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es ein Ausdruck von Arroganz ist, wenn man das Menschsein zu etwas Erhabenem macht. Dazu mehr in dem Beitrag Sind Behinderte Menschen wie du und ich?.

Diese Veränderungen sind nicht selbstverständlich. Ich habe auch lernen müssen, mir selbst diese Veränderungen zuzurechnen.

Auf der einen Seite ist es Ausdruck von Bescheidenheit, dankbar für die Möglichkeit zu lernen und sich selbst zu verändern zu sein.

Auf der anderen Seite ist es eine logische Folge davon, dass man Verantwortung dafür übernimmt, dass man diese Situationen als Gelegenheit genutzt hat, dass man sich selbst “auf die Schulter klopft”.

Darin spiegelt sich die Haltung wieder „Ich tue etwas, um mich zu vervollkommnen.“ im Gegensatz zur Haltung „Ich bin Resultat einer Situation.“


  1. Ich wage sogar zu behaupten, dass das die Norm ist. 

Kunst und Vervollkommnung

Der Gedanke der Ästhetik hat sich ein wenig entwickelt. Vervollkommnung und Kunst haben ein wichtiges Element gemeinsam:

Die Beziehung zwischen dem Schaffenden und einem Erschafften.

Unser aller persönlicher Weg entfaltet sich vor uns, in dem wir Schritte tun. Wir erschaffen den Weg mit jeder Entscheidung, die wir getroffen haben.

Abstrakt könnte man sagen, dass wir uns im Raum aller Möglichkeiten durch unsere Entscheidungen bewegen.

Diese Entscheidungen können bewusst oder unbewusst sein. Bewusstsein ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es auch wirklich ein „du“ oder „ich“ gibt, dass diesen Weg beschreitet. Ohne Bewusstsein sind wir nichts weiter als Maschinen.

Entscheiden heißt in diesem Sinn, dass wir unser eigenes Leben von Moment zu Moment als eine Geschichte erschaffen.

Schönheit kann ein Entscheidungskriterium für uns sein. Vervollkommnung wird damit zur Kunst. Von diesem Punkt aus ergeben sich spannende Gedanken, die sich lohnen zu denken. Die Mittel der Vervollkommnung sind unsere Hämmer und Meißel oder Farben und Pinsel.

Welche Metapher siehst du für deine eigene Vervollkommnung?

  • Ein Bild?
  • Eine Skulptur?
  • Ein Musikstück?

Bei diesen Überlegungen geht es hier nicht um harte und logische Entscheidungen. Vielmehr geht es darum, dass du eine ästhetische Entscheidung triffst. Was willst du erinnern? – Jetzt und in Zukunft? Diese Entscheidung kannst du nur treffen, wenn du ein emotionales Verhältnis zu deinen Entscheidungen selbst hast.

Wenn dir dein Leben, deine Biographie, deine Vervollkommnung egal ist, dann kannst du diese Art der Entscheidung nicht treffen.

Deswegen halte ich es für ungemein wichtig auch solche Gedanken zu verfolgen. Ohne ein emotionales Verhältnis zu diesem Thema, verlieren die Überlegungen um die Vervollkommnung an Wirkung in der Welt. Emotionen sind eine wichtige Antriebsfeder für unser Leben und daher eine wichtige Ressource für unsere eigene Ichwerdung.

In welche Dinge investierst du deine ästhetischen Bemühungen?

  • Willst du, dass dein Wohnraum immer tip top aufgeräumt ist?
  • Willst du, dass dein Körper immer hydriert ist?
  • Willst du, dass du ein soziales Leben hast, dass dich emotional und geistig stimuliert?
  • Hat das, was du von Sekunde zu Sekunde tust, einen Aspekt der Schönheit oder hat Schönheit keine Relevanz für dein Tun?

Ästhetik – Ein Gedanke, der mich umtreibt

Auf der einen Seite geht es bei Donner & Pflicht um Moral und damit im klassischen Sinne um das gute Leben. Doch was ist eigentlich das das Gegenteil von „gut“?

Von diesem Gegenteil hängt ab, wie die Frage „Was soll ich tun?“ zu beantworten ist. Schließlich muss man gleichzeitig „Was soll ich nicht tun?“ beantworten.

Eine intuitive Antwort auf die Frage nach dem Gegenteil ist: schlecht.

Handlungen und Entscheidungen, die das eigene Leben zur Vervollkommnung bringen sind gut, während alle anderen Handlungen, welche die Vervollkommnung behindern und stören, schlecht sind.

Was ist, wenn das Gegenteil von „gut“ „hässlich“ ist?

Kann man ein Leben nach einer Lehre der Schönheit gestalten?

Wenn wir dies als mögliche Antwort zulassen, stehen uns interessante Gedanken offen. Um diese Offenheit auch vom Standpunkt der Vervollkommnung fassen zu können, müssen wir ein ästhetisches Leben als eine mögliche Ausprägung von Vervollkommnung zulassen können.

Siehe dazu Vervollkommne dich!:

Die vollkommene Form des Selbst ist die Form, bei welcher das zur höchstmöglichen Ausprägung gebracht ist, was im Selbst angelegt ist.

Und weiter:

Das ist eine Leerformel. Die Richtung ist nicht vorgegeben, weil nicht näher bestimmt ist, was überhaupt in Anlage zu finden ist. Das heißt, man kann aus dieser Formulierung nicht ableiten, was vollkommenes Selbst sein soll.

Schönheit kann eine Antwort auf die Frage „Was ist dieses vollkommene Selbst eigentlich?“ sein. Das ist absolut widerspruchsfrei im Konzept der Vervollkommnung zu denken. Und so könnte das Gegenteil von „gut“ tatsächlich „hässlich“ sein.

Eine mögliche Ausprägung wäre sogar das Bodybuilding als reine Fokussierung auf eine Ästhetik. Von diesem Standpunkt aus ist übrigens es eine Verwässerung dieser Art der Vervollkommnung, wenn Bodybuilding als Sport verstanden werden will oder gar auch Gesundheit als einen ihrer Eckpfeiler wissen will.

Vorwürfe in Richtung des massiven Missbrauch von Dopingmitteln und dem damit verbundenen Opfer wären damit vom Tisch.

Hier schließt sich die Frage an, ob man nun ein Spezialist oder Generalist sein sollte. Als Generalist muss man aufgrund begrenzter Ressourcen selbstverständlich Abstriche in einigen Bereichen machen.

Wenn Vervollkommnung Ästhetik bedeutet, kann das sogar etwas Negatives sein, wenn man sich in jedem Bereich maximal vervollkommnen könnte. Schwächen und Unvollkommenheiten können paradoxerweise zu einer vollkommenen Ästhetik dazugehören. Sie machen den Charakter einiger Dinge aus.

So kann ein Yogi, der seinen Körper durch seine Form der Askese auszehrt, etwas sehr Ästhetisches sein.

Yogi

Photo Credit: R. Mitra via Compfight cc

Am Ende lautet die offene Frage:

„Kann das gute Leben sogar Kunstwerk sein?“

Bambino und die Frauen

Bei der erneuten Lektüre des Buchs Bambino von William Quindt bin ich auf einen interessanten Text über Frauen und Männer gestoßen (Seite 51). Freda wird vor Bambino von einer älteren, erfahrenen Frau gewarnt.

Zunächst beschreibt sie, wie es normalerweise in der Welt aussieht:

Er nimmt die Frauen nicht ernst, er hat keine Achtung vor ihnen, das ist es. Sieh mal, die anderen Jünglinge, die sind jedesmal [sic] regelrecht von neuem verknallt, wie sich das eben auch gehört, stelzen herum wie die Pfauen, geben schaurig schön an – über die kann man nur lachen, denn schließlich werden sie mehr an der Nase herumgeführt, als sie selbst Unheil anrichten können. Du meine Güte, es gibt doch nirgendwo in der Welt so etwas von herzbrechend süßer Dämlichkeit, wie ein verliebter Mann das ist! –

Sie beschreibt ein Machtverhältnis, was zu Gunsten der Frauen ausfällt. Ich halte dieses Motiv für aktuell. Der Mann, der sich zum Idioten macht, ist ein beliebtes Klischee in den Liebeskomödien. Dieses Motiv wird also immer noch verwendet.

Sie fährt fort mit:

Der Bambino aber, der ist anders. Der kennt die Frauen, kennt sie besser, als sie sich selber kennen, hat keine Achtung vor ihnen und macht sich keine Illusionen – und so was gehört sich nicht! Er glaubt ihnen nichts, verlacht ihr Getue – ach, Kind, ich habe es ein paarmal mit angesehen, die Galle ist mir ins Blut getreten.

Bambino dagegen macht bei diesem Spiel nicht mit. Er kann es nicht, denn er versteht, dass es bloß ein Spiel ist. Es geht um Authentizität. Nur solange man ehrlich dämlich (s.o.) ist, ist man herzbrechend süß.

Ein Mann ist dazu da, daß er von den Frauen dumm gemacht wird, das ist die Weltordnung, und die ist gut. Aber wenn sich da einer mit frechem Lachen hinstellt und beweist der schönsten Frau, daß sie ein dummes Gänschen ist, und bricht sie und nimmt sie und wirft sie weg – Freda, solche Männer sind gefährlich, dagegen müssen wir Frauen geschlossen Front machen, boykottiert müssen diese Männer werden, so was darf nicht einreißen.

Der erste Satz ist der Markanteste. Ein Mann soll der Frau unterlegen sein. Er soll “dumm gemacht” werden.

Quindt beschreibt das Verhältnis von Mann und Frau als ein Machtverhältnis. Weil eine Machtasymmetrie nicht mit einer Beziehung auf gleicher Höhe einhergehen kann, ist so eine Beziehung auf Augenhöhe ausgeschlossen.

Das Besondere an diesem Text ist, dass er so offen mit dieser Asymmetrie umgeht. Es springt uns ins Gesicht, dass eine Beziehung unter Gleichwertigen gar nicht erst gewollt wird.

Interessant daran ist, dass dies ein Mann geschrieben hat, der die Perspektive einer Frau darstellt. Das ist an dieser Stelle natürlich nur eine Unterstellung. Schließlich ist diese Stelle Teil eines Romans ohne jeden empirischen oder theoretischen Beleg.

Wenn man dies allerdings vor dem Hintergrund des Trends um “Pickup” liest, ist es plausibel, dass viele Männer mit eben diesem Minderwertigkeitskomplex durch die Welt gehen.

Es ist kaum bestreitbar, dass Pickup der Versuch ist, ein (anderes) Machtverhältnis herzustellen. Männer fühlen sich in Flirtsituationen nicht kompetent und der Frau oft unterlegen in. Das ist etwas, dass ich selbst oft beobachten kann.

Was kann ich daraus lernen?

Flirten ist Krieg. Sollte es auch so sein?

Angst, Belohnung und Hingabe

Es gibt zwei grundsätzliche Emotionen, die unsere Motivation aus machen.

  1. Angst
  2. Vorfreude

Um zu werden, der du bist, ist es wichtig zu verstehen, wie Gefühle deine Motivation bestimmen. Menschen denken gewöhnlich, dass sie sich in irgendeiner Art gut fühlen, wenn sie das Richtige tun.

Wir fühlen uns nicht immer schlecht, wenn wir das Falsche tun. Ist es dann plausibel, dass wir uns immer gut fühlen, wenn wir das Richtige tun? Um diese Frage zu klären, würde es uns helfen, wenn wir Beispiele finden, in denen wir das Richtige tun und uns schlecht fühlen.

Diese Beispiele sind überall zu finden.

  • Es fühlt sich schlecht an, wenn wir uns früh aus dem warmen Bett quälen, um unsere tägliche Meditation zu absolvieren.
  • Es fühlt sich schlecht an, wenn wir Menschen zuhören, die uns schrecklich nerven und unsere Hilfe brauchen.
  • Es fühlt sich schlecht an, wenn wir uns beim Training quälen und Schmerzen aussetzen, wenn wir auf dem Weg körperlicher Vervollkommnung sind.

Die Definition von Tugend ist:

Tugenden sind diejenigen Charaktereigenschaften, die es einem Selbst wahrscheinlicher machen Widerstände zu überwinden. Widerstände sind diejenigen Sachverhalte in der Welt, welche die Vervollkommnung des Selbst einschränken oder verhindern.

Tugend hat immer etwas mit Widerständen zu tun. Von diesem Standpunkt aus ist es wahrscheinlicher, dass wir uns in irgendeiner Form schlecht fühlen, wenn wir das Richtige tun.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass sich alles schlecht anfühlt.

  • Wenn ich mich aus dem Bett gequält habe, freue ich mich auf die Meditation und noch viel mehr freue ich mich darauf großen Menschen auf meinem Mp3-Player hören, während ich mich im Handstand übe.
  • Wenn du dich völlig deiner Malerei hingibst und dabei in einen Zustand des Flow gerätst, fühlt sich das berauschend an.
  • Wenn man sich nach einem langen und harten Tag ein warmes Bad macht, um sich zu erholen, fühlt sich das mit Sicherheit sehr schön an.

Trotzdem müssen wir irgendwie damit umgehen, dass wir Dinge tun sollen, die ein Leid für uns darstellen. Weil wir Menschen sind, sind Emotionen immer präsent.

Vorfreude ist das positive Gefühl, dass wir haben, wenn wir Konsequenzen unserer Handlungen erwarten.

Beispiel: Du findest den Abwasch vielleicht lästig, aber die Küche danach hübsch und sauber zu sehen, ist das Resultat der Mühe.

Angst ist das negative Gefühl, dass wir haben, wenn wir Konsequenzen unserer Handlungen erwarten.

Beispiel: Wenn ich jemanden anlüge, befürchte ich, dass ich bei meiner Lüge ertappt werde.1

Beide Emotionen können uns motivieren, die negative Empfindung auszugleichen, die wir dabei haben können, wenn wir etwas Richtiges tun, was uns aber gleichzeitig Leid bereitet.

Wir können uns vor dem Schlafen duschen, weil wir uns auf das saubere Gefühl in frischer Bettwäsche freuen. Wir können dies aber auch tun, weil wir Angst und Ekel vor dem klebrigen Gefühl von bereits verschwitzter Haut auf Haut haben.

Die negativen Gefühle motivieren uns meist stärker und direkter.

Wir laufen energischer vor einem riesigen, bissigen Hund davon als dem Eiswagen hinterher.

Hingabe ist die Haltung Arbeit für ein Ziel aufzuwenden, ob man sich nun danach fühlt oder nicht.2

Auf der einen Seite ist es sehr nützlich durch Reflexion zu verstehen, welche Motivationen wir in Form von Emotionen auf unserem Lebensweg begegnen.

Wenn du dich der Aufgabe hingibst, der zu werden, der du bist, gehst du deinen Weg, egal ob du Furcht oder Freude empfindest.

Das Ergebnis dieser Reflexion ist, dass im Verstehen auf der einen Seite ein nützliches Werkzeug zu sehen ist, wie sich unsere Gefühle auf die Vervollkommnung auswirken. Auf der anderen Seite bedeutet wirkliche Hingabe, unabhängig von diesen Gefühlen darauf hinzuarbeiten, zu werden, der man ist.


  1. Ein unschöner und unromantischer Grund die Wahrheit zu sagen. Nicht zuletzt halte ich diese Motivation auch für einen Ausdruck von moralischer Schwäche. So ist das Beispiel aber näher an dem, was bei den meisten Menschen erlebe. 

  2. https://www.youtube.com/watch?v=70T_WkVb4XA 

Vehikel körperlicher Vervollkommnung

Philosophie kann dir nicht die Inhalte der Vervollkommnung vorgeben.

Ich werde nicht selten mit Fragen zu Details konfrontiert und in den vielen Fällen betrifft dies die körperliche Vervollkommnung. “Was soll ich tun um meinen Körper zu vervollkommnen?” lautet die Frage und ich antworte dann sehr allgemein, dass es keine Rolle spielt, was man macht. Es ist wichtig, dass man es macht und noch viel wichtiger es bewusst als seinen Weg der Vervollkommnung erkennt.

Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, müsste ich gleichzeitig entscheiden, ob ein Bodybuilder vollkommener ist als ein Marathonläufer. Beide sind jeweils Spezialisten eines kleinen Ausschnitt der körperlichen Möglichkeit. Ich müsste gleichzeitig entscheiden, ob ein Generalist vollkommener wäre als ein Spezialist.

Diese Fragen lenken vom eigentlichen Wesen der Vervollkommnung ab. Diese Fragen können nicht auf der Ebene der Philosophie beantwortet werden. Sie müssen vielmehr auf Ebene deiner persönlicher Dogmen entschieden werden. Nur du selbst kannst entscheiden, was nun für dich Vervollkommnung bedeutet.

Ich habe mich für den Weg eines Generalisten entschieden. Ich sprinte, trainiere mit der Hantel, mache turnerisches Training und Ausdauertraining. Es ist das, was ich in mir selbst angelegt sehe.

Du kannst die Frage nach deinem Vehikel für körperliche Vervollkommnung dadurch beantworten, in dem du dich fragst, was in dir selbst angelegt ist und wie du dies zur Ausprägung bringen willst.

Wenn du dich für etwas entschieden hast, geht es nicht darum, dass du ein guter Läufer, Boxer oder Bodybuilder wirst. Vervollkommnung ist ein Prozessbegriff. Wenn du dich auf den Weg begibst und daran arbeitest besser zu werden und dies in einem Bewusst-Sein tust, bist du dort.

Vielleicht gibt es Menschen, die auf ihrem Weg ein Stück weiter gegangen sind. Die Mühe eines Anfängers ist moralisch genauso viel Wert wie die Mühe eines Experten. Beide bemühen sich um das Gleiche.

Vervollkommnung ist ein abstraktes Prinzip, dass durch Vehikel in dieser Welt, in deiner Welt, eine Realisierung findet. Du musst dich nur für eines entscheiden. Das Schöne und gleichzeitig Verunsichernde daran ist, dass es dein Vehikel ist, das erst du durch diese Entscheidung zu einem solchen wird.

Der morgendliche Handstand

In meiner aktuellen Bewegungspraxis übe ich den Handstand. Dabei höre ich Podcasts, von denen ich mir viel verspreche. Ich versuche Menschen zuzuhören, die meiner Meinung nach groß sind.

Was meine ich mit groß? Und was sind große Menschen?

Wer sich hier in diesem Blog ein bisschen einliest, wird bereits eine gute Vorstellung von dem haben, was ich einen großen Menschen nenne.

Große Menschen sind groß, weil sie sich auf ihren eigenen Lebensweg begeben haben. Woher weiß man, dass sie sich auf ihren Lebensweg befinden und auch auf ihm gehen? In den meisten Fällen können sie das direkt sagen. Man kann nicht, ohne es zu wissen, auf seinem Lebensweg sein. Bewusst-sein darüber, dass man sich auf diesem Lebensweg befindet, ist notwendige Voraussetzung, dass man sich auf ihm befindet.

Das Seltsame am eigenen Lebensweg ist, dass er sich in dem Augenblick formt, in welchem man in dem bewusst-sein „das ist mein Lebensweg“ einen Schritt tut. Er formt sich als Akt des Gehens und wird dadurch erschaffen, doch er erscheint uns selbst, als würden wir ihn entdecken.

Große Menschen verstehen diese Paradoxie nicht nur. Sie entfalten diese und lösen diesen vermeintlichen Widerspruch auf. Für sie ist Entdeckung und Schöpfung eins.

Eben nach solchen Menschen suche ich für meine Podcasts. Menschen, die ihren eigenen Lebensweg erschaffen und dies auch bewusst machen.

Podcasts scheinen nun ein sehr profanes Mittel, doch wir sollten uns an dieser Stelle nicht von diesem Mangel an Romantik ablenken lassen. Ich bin, wie man so schön sagt, bibliophil und liebe die Vorstellung in einer alten Bibliothek Literatur großer Menschen zu lesen. Doch diese Verhaftung an alter Technik um alte Inhalte zu vermitteln lenkt ab. Es geht schließlich um die Inhalte.

Der Handstand gehört jetzt zu meinen Zugtieren körperlicher Vervollkommnung und doch bietet er so viel mehr. Nicht unbedingt er selbst, doch vielmehr die Praxis des Übens, liefert mir mehr als nur einen Handstand.

Es ist die Stille Zeit am frühen Morgen, die ich in Ruhe für mich habe, die mich auf den Tag einstimmt. Wenn ich besonderen Menschen zuhöre, werde ich inspiriert. Es ist eine stille Praxis, alleine in einem Fußballkäfig, wie man ihn überall findet. Sie lädt mich mit einer ruhigen Kraft auf. Selbst die Müdigkeit meiner Schultern am Ende der Übungszeit scheint mich aufzuwecken.

Ich habe also etwas für meiner körperliche Vervollkommnung getan. Gleichzeitig habe ich etwas für meine geistige Vervollkommnung getan, denn schließlich könnte ich es nicht einmal vermeiden, dass ich von diesen großen Menschen lerne.

Die seelische Vervollkommnung ergibt sich aus der Praxis. Man kann seelische Vervollkommnung nicht intellektuell erreichen. Man kann nicht eine Reihe von Büchern lesen und sich dann seelisch vervollkommnen. Erst in der Ausübung der Tugenden wird man auch seelisch der, der man ist.

So ist der Handstand am Morgen ein einfaches Vehikel für mich. Er ist völlig frei von Barrieren, denn ein ein kleiner Fleck Erde findet sich immer. Und trotzdem ist er ein mächtiges Vehikel für die Vervollkommnung: Die Handstandpraxis bietet mir die Möglichkeit auf allen drei Ebenen zu werden, der ich bin.

Bewusstsein oder Unbewusstsein durch Entscheidungen

Es gibt zwei Typen von Entscheidungen.

  1. Entscheidungen des ersten Typs erhöhen dein Bewusstsein.
  2. Entscheidungen des zweiten Typs verringern dein Bewusstsein.

Zunächst gilt es natürlich zu erklären, was ich überhaupt mit Bewusstsein meine:

Was ist Bewusstsein?

Das ist nicht nur philosophisch eine heikle und schwierige Frage. Weil Bewusstsein ein geistiges Phänomen ist und keines, dass sich auf physischer Ebene realisiert, kann es keine Naturwissenschaftliche Erklärung oder Definition geben. Bewusstsein ist allerdings auch kein soziales Phänomen.1

Ich habe nicht den Anspruch dieses schwierige Kapitel in irgendeiner Form zum Abschluss zu bringen. Ich denke nicht, dass ich das kann. Ich glaube nicht einmal an die Möglichkeit. Dennoch brauchen eine Definition – wenigstens als Arbeitshypothese.

Daher will ich Bewusstsein an das Konzept der Verantwortung binden. Bewusstsein ist die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen. Für diese Entscheidungen ist man dann verantwortlich.

Wir haben es hier also mit einem durch Entscheidungen positiv rückgekoppeltes Bewusstsein zu tun. Es kann sich selbst erweitern, in dem es sich selbst in eine Position rückt, in welcher seine Fähigkeiten Entscheidungen zu treffen erhöht sind.

Solche Entscheidungen kann man so ähnlich verstehen, als würde man das Lernen lernen. Je mehr man lernt, desto mehr kann man lernen.

Use it or lose it. So sagen es die Angelsachsen. Wer also immer weniger Entscheidungen trifft, der verlernt es Entscheidungen zu treffen.

Bewusst-sein ist nicht unbedingt leicht oder angenehm. Eigentlich ist es überhaupt nicht leicht und angenehm. Bewusst sein heißt Entscheidungen zu treffen. Das heißt, dass man geistige Energie investieren muss. Diese ist begrenzt und deswegen können wir erschöpfen.

Bewusst-sein bedeutet auch sich mit unangenehmen Dingen zu beschäftigen.

Befinden wir uns in einer für uns schädlichen Beziehung zu einem anderen Menschen, können wir diese Schädlichkeit ausblenden.

Beispiel:

Ein Mann, der versucht einer bestimmten Vorstellung von gutem Leben zu entsprechen, könnte beispielsweise Verdrängen, dass seine Partnerin sich beständig selbst schädigt. Anstatt sich mit ihr darüber auseinanderzusetzen, sie zu ermahnen, ihr zu helfen oder sich von ihr zu trennen, nimmt er ihre Selbstschädigung hin und blendet sie aus.

Was sind die Kosten davon mit einem Menschen eine so enge Bindung zu haben, der sich selbst aber schädigt?

  • Normalerweise produziert eine solche Person eine ungewöhnlich große Menge an negativen Emotionen und Situationen.
  • Wenn wir über lange Zeit mit Verhaltensweisen anderer Menschen konfrontiert werden, übernehmen wir diese wenigstens teilweise – in diesem Fall selbstschädigendes Verhalten.
  • Wenn man selbstschädigendes Verhalten ignoriert, stumpft man sich dagegen ab. Man verliert an Sensibilität. Man gewöhnt sich an Nichtwahrnehmung.

Diese Liste ist nicht auf Vollständigkeit angelegt. An dieser Stelle ist es für uns wichtiger, dass wir uns auf die Wirkung auf das Bewusstsein des Mannes konzentrieren.

Er kann dieses Verhalten nur über eine gewisse Dauer aktiv ignorieren. Irgendwann wird er dessen müde und muss auf passive Ignoranz wechseln.

  • Er kann anfangen dieses Verhalten zu billigen. Entweder weil er dieses Verhalten selbst übernimmt oder weil er denkt, dass es ihm sogar zuträglich ist.
  • Er kann dieses Verhalten umwerten z.B. indem er annimmt, dass dieses Verhalten funktional für seine Partnerin ist.
  • Er kann das Verhalten verdrängen. Damit hat er es aus seinem Bewusstsein gelöst und kann nicht mehr darauf zugreifen.

Das ist selbstverständlich kein linearer oder gar konstanter Prozess. Vielleicht wacht er zwischendurch auf und ist von sich selbst überrascht oder ermahnt seine Partnerin. Periodisch erwacht er so zu seinem alten Bewusstsein. Das sind seine Gelegenheiten Entscheidungen neu zu treffen. Verpasst er die Gelegenheit wird er in den Schlaf zurücksinken.

Ein anderes Beispiel ist unser Aufbau von Gewohnheiten und Ritualen. Gewohnheiten und Rituale sind Delegationen von Verhalten an das Unbewusstsein, damit wir unser Bewusstsein entlasten können.

Wir können beim Autofahren, beispielsweise, nicht permanent bewusst kuppeln und schalten. Angesichts der Komplexität des Straßenverkehrs würden wir kaum mehr als den Weg zur Arbeit und zurück schaffen, ohne auszubrennen.

Genauso ist es völlig unnötig, dass wir uns beständig und bewusst dafür entscheiden uns morgens die Zähne zu putzen. Anstatt unsere geistige Energie in diese Handlung zu investieren, indem wir jeden Morgen eine Entscheidung treffen, tun wir dies aus Gewohnheit.

Ein Problem für unsere Vervollkommnung wird es, wenn wir die neu gewonnene Kapazität nicht nutzen. Wenn wir unser Leben durch eine Reihe von Gewohnheiten und Ritualen so strukturieren, dass wir fast keine Entscheidung mehr treffen müssen, führen wir unser Leben natürlich nicht mehr bewusst.

Wenn man ein bewusstes Leben führen will, dienen Gewohnheiten und Rituale nicht zur geistigen Entlastung, sondern vielmehr zu Umlenkung unserer geistiger Energie.

An dieser Stelle wird klar, dass ein bewusstes Leben anstrengend ist. Verdrängung und Gewohnheiten können die Gefahr bergen, dass wir dieser Anstrengung ausweichen und uns damit das bewusste Leben vermauern.

Hier liegt übrigens ein besonderer Wert von Meditation. Man könnte Meditation als den Versuch bezeichnen das Bewusstsein in völliger Reinform präsent werden zu lassen. Wir denken nicht, wir fühlen nicht und wir handeln nicht. Wir lassen den Atem einfach geschehen und gehen in reiner Beobachtung auf. Sogar uns selbst beobachten wir nur und sind es nicht. Wir sind an dieser Stelle bewusst und nichts weiter.


  1. Auch dies ist zunächst eine Setzung. Es ist nicht selbstverständlich, dass Bewusstsein kein soziales Phänomen ist. Man könnte es auch als ein Regelungsmechanismus verstehen. Es ist eine Unterstellung, damit soziale Institutionen, wie Moral oder Verantwortung funktionieren. Ohne Bewusstsein keine Verantwortung. Verbrechen kann man schließlich nur als solche Anerkennen, wenn man dem Verbrecher Bewusstsein unterstellt. Ohne Bewusstsein, kann es keine Verantwortung geben. Ohne Verantwortung kann man Menschen nicht als Verbrecher bestrafen.